Die Ranen auf Rügen

Seit der Mitte des 6. Jahrhunderts, bis hin zu ihrer Christianisierung, besiedelten verschiedene slawische Stämme das Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns. Die Spuren dieser slawischen Siedlungszeit können mancherorts sogar noch bis in die Gegenwart hinein verfolgt werden.

Neben den großen und bekannten slawischen Stämmen der Obodriten und Wilzen (später Lutizen), war auch der Stammesverband der Ranen im norddeutschen Raum beheimatet. Ihr Stammesgebiet war die Ostseeinsel Rügen und das daran angrenzende Festland. Im Gegensatz zu anderen slawischen Stämmen, wie z.B. zu den bereits genannten Obodriten, Wilzen oder gar zu den Redariern, gibt es bis heute jedoch kaum aktuelle wissenschaftliche Arbeiten, die sich fundiert mit dem Leben der Ranen auf Rügen auseinandersetzen. Einen relativ guten Einblick in die Geschichte, Kultur und Wirtschaft dieses Stammes gewährt jedoch Zdenek Vana in einer Studie aus dem Jahre 1983. In seiner Publikation "Die Welt der alten Slawen" setzt er sich, wenn auch nur peripher, mit einigen sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Aspekten der Besiedlung Rügens durch die Ranen auseinander. Wer an einem Überblick über diesen slawischen Stamm interessiert ist, für den empfiehlt es sich, auch in der von Joachim Herrman herausgegebenen Schrift "Welt der Slawen. Geschichte, Gesellschaft, Kultur" aus dem Jahre 1986 und in der ebenfalls von ihm herausgegebenen Arbeit "Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jhd. Ein Handbuch.", 1885 erschienen, nachzulesen.

Im Folgenden soll nun ein kleiner Einblick in die umfangreiche Geschichte der Ranen gegeben werden, in dem vor allem Aspekte der Religion und Wirtschaft aufgegriffen werden. Einleitend dazu bietet es sich an, kurz auf die Problematik der Landnahme der Slawen im Raum Mecklenburg einzugehen.

Wie sich diese sich im Einzelnen genau vollzogen hat, lässt sich bis heute nicht eindeutig rekonstruieren, da eindeutige historische Nachrichten diesbezüglich fehlen. Fest steht jedoch, aus welchen Gebieten die Slawen in den mecklenburgischen Raum einwanderten- sie kamen aus den ursprünglichen slawischen Siedlungsgebieten in den Flussregionen des oberen und des mittleren Dnepr, der Weichsel und der Oder. Im Zuge der Völkerwanderung zogen diese Stämme dann gen Westen. Zum Teil waren sie dort auf der Suche nach neuen Lebensgrundlagen, die Wanderung setzte jedoch auch als Folge der Flucht vor nomadischen Einfällen ein. Zusätzlich dazu hofften die Slawen auf diese Weise dem Druck der wachsenden byzantinischen Herrschaft entfliehen zu können.

Die Landnahme im Raum des heutigen Mecklenburgs erfolgte im Allgemeinen friedlich, dass heißt, die noch auf dem Gebiet verbliebenen Reste der germanischen Bevölkerung wurden entweder verjagt, meist jedoch aber ganz einfach in den Bevölkerungsstamm der Slawen assimiliert.

Die Germanen hatten diese nun von den Slawen zur Ansiedlung auserwählten Gebiete verlassen, um im Zuge der Markomannenkriege im Verein mit anderen elbgermanischen Stämmen, unter der Führung der Markomannen und Quaden, in die Donauprovinzen einzudringen, um dort neue Lebensgrundlagen zu finden. Durch diesen Prozess der Abwanderung stand demnach einer friedlichen Landnahme durch die Slawen nichts im Wege.

Als erster slawischer Stammesverband wanderten die Obodriten, vermutlich in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts, ein. Den Obodriten folgten im siebten Jahrhundert weitere slawische Stämme, unter denen sich auch die Ranen befanden. Mit der slawischen Landnahme war die Völkerwanderung in diesem Teil Mitteleuropas im Wesentlichen abgeschlossen. Informationen darüber konnten aus den Aufzeichnungen des sog. Bayrischen Geographs entnommen werden, der um 850 mehrere slawische Teilstämme systematisch, unter Angabe von Burgen und Gefilden, aufzählte. Die direkte chronikalische und urkundliche Überlieferung hin zu den Slawen setzte jedoch erst später, nämlich im 10. Jahrhundert ein.
Nach diesem Exkurs soll das Hauptaugenmerk jedoch wieder direkt auf die slawischen Ranen gerichtet werden.

Bis heute versuchen Wissenschaftler der Ur- und Frühgeschichte den Ursprung der Stammesbezeichnung Ranen zu erforschen. Man weiß bereits seit Längerem, dass oft ein enger Zusammenhang zwischen dem slawischen Stammesname und dem Namen des Siedlungsgebietes bestand. Das heißt konkret gesagt, dass Landschaftsnahmen auf Stammesnamen zurückgeführt werden können und Stammesnamen analog dazu von Gebietsbezeichnungen abgeleitet wurden. Im Fall der Ranen wird jedoch ein Zusammenhang dieser Art ausgeschlossen, vielmehr deuten Untersuchungen daraufhin, dass die Bezeichnung Ranen mit dem germanischen Stamm der Rugier in Verbindung zu bringen ist, der bis zur Landnahme der Slawen auf der Insel Rügen lebte.

Wann immer von den Slawen auf Rügen gesprochen wird, sind stets zwei Städte von besonderem Interesse. Hierbei handelt es sich um
Arkona im Norden und um Ralswiek, am Südufer des Jasmunder Boddens.

Ralswiek (Topografie)Ralswiek (Topografie)

Arkona und Ralswiek zählen zu den frühstädtischen Siedlungen, auch civitates genannt, die die Grundlage für die Entwicklung von Frühstädten bildeten. Solche Siedlungen stellten die erste Entwicklungsstufe terretorialstaatlicher Residenzbildung in Mecklenburg dar. Es konnten sich jedoch längst nicht alle civitates zu Frühstädten entwickeln, die günstigen ökonomischen, politischen, vor allem jedoch die geographischen Bedingungen rund um Arkona und Ralswiek trugen aber dazu bei, dass eben diese beiden Städte sich zu solchen entwickeln konnten.

Die Stadt Ralswiek wurde im 8. Jahrhundert gegründet und diente den Ranen hauptsächlich als Seehandelsplatz. Seinen Ursprung verdankt Ralswiek dem Transithandel zwischen westlicher Ostsee, dänischen Inseln und südlicher Ostseeküste. An der Stelle, an der sich der Transitverkehr dem Stammeszentrum der Ranen, der Burg Rugard, bis auf 5 Kilometer Entfernung näherte, entstand der Seehandelsplatz Ralswiek.

Anders als viele Slawen im Landesinneren, betätigten die Ranen sich nicht vorrangig nur als Ackerbauern, Jäger, Fischer, Bienen- oder Viehzüchter, Schmied oder Schlosser, sondern auch als Händler und Kaufmänner, vor allem jedoch hauptsächlich als Seefahrer. Beliebte Handelspartner waren z.B. die Dänen und andere skandinavische Stämme. Aber auch im Baltikum und in Teilen Nordwesteuropas kauften und verkauften die Ranen ihre Waren. Gehandelt wurde hauptsächlich mit Pelzen, Bernstein, aber auch mit Honig und Pferden, vereinzelt auch mit Sklaven.
Während zu Beginn der Handelstätigkeit noch Ware gegen Ware getauscht wurde, löste bald das Geld diese Form des Handels ab.

Die Ranen bauten kleine, wendige Schiffe mit flachem Boden, mit denen sie sowohl über die Ostsee, als auch auf den Flüsse im Landesinneren fahren konnten. Dieses war bedeutsam, denn bevor der Transport von Händlerware auf dem Festland erfolgte, waren die wichtigsten Handelswege bis ins 9. Jahrhundert hinein hauptsächlich die Wasserstraßen. Die Schifffahrt der Ranen wird durch den Fund von drei Schiffen aus dem 9.- 10. Jahrhundert belegt. Das größte dieser drei Schiffe war ca. 14 m lang und 3,4 m breit. Es handelte sich bei allen drei Funden um eine Konstruktion aus Eichenholzplanken, die mit Eisennieten verbunden waren und mit einem Holzstift am Schiffsskelett befestigt wurden.Die Fugen dichteten die Ranen mit Pech ab.

Ralswiek (Rekonstruktion)Ralswiek (Rekonstruktion)

Nun zurück zur Siedlung Ralswiek ansich. Auf einem Strandwall zwischen Bodden und einem heute bereits verlandeten See lagen sowohl die Höfe der Einheimischen, als auch die fremder Kaufleute. Zu jedem Hof gehörten neben dem Wohnhaus des Herren auch Werkstätten, Schuppen, Speicher und Wohnbauten der Handwerker und der Bediensteten. In den Werkstätten wurden z.B. Kämme und Nadeln aus Geweih und Knochen hergestellt.

Die Hofeigner ließen meist einen oder mehrere Schiffsplätze am besagten binnenländischen See ausheben, von denen die meisten überdacht waren.

Durch archäologische Ausgrabungen konnten 14 solcher Anliegerplätze nachgewiesen werden.
Zur Siedlung gehörte natürlich auch ein Kultplatz, auf dem die Ranen ihren Göttern huldigen konnten. Diesen Platz schufen sie sich auf einer Waldzunge zwischen Bodden und Siedlung. Hier entrichteten auch die ankommenden oder abfahrenden Kaufleute den Göttern ihre Opfer. Diese Opfergaben bestanden aus ausgewählten Tieren wie z.B. aus Rindern, Schweinen, Hunden oder Pferden. Neben solchen Tieren wurden den Göttern von Zeit zu Zeit jedoch auch Menschenopfer dargebracht. Bei diesen handelte es sich um Personen, die die Slawen auf Kauf- oder Piratenfahrten erworben hatten.
Unweit dieser Opferstätte wurden die slawischen Herren nach ihrem Tode begraben. Von diesen Gräbern sind bis heute noch mehr als 400 Grabhügel erhalten.

Nur sechs Kilometer südlich der Stadt lag Rugard, die bereits erwähnte Hauptburg der Ranen. Dazu muss gesagt werden, dass der Burgenbau für die Slawen bereits in der altslawischen Siedlungszeit von 600-800, legt man die chronologische Einteilung Horst Keilings zugrunde, charakteristisch war. Während diese Burgen zunächst als Stammes-, Volks- bzw. Fluchtburgen dienten und dem Volk Sicherheit und Zuflucht boten, veränderte sich dieser Charakter mit voranschreitender Siedlungstätigkeit der Slawen. Ihre ursprüngliche administrative Funktion für die umliegenden Siedlungen wurde dadurch ersetzt, dass die alten Burgen neuen Fürstenburgen weichen mussten, während sich parallel dazu fürstliche Dynastien herausbildeten und sich somit eine soziale Differenzierung der Bevölkerung ausprägte. Solch eine Entwicklung gab es
jedoch auf Rügen nicht. Rugard diente die ganze Zeit hindurch als Fluchtburg für alle Bevölkerungsschichten.

Kap Arkona (Topografie)Kap Arkona (Topografie)

Die zweite wichtige frühstädtische Siedlung der Insel war, wie bereits erwähnt, Arkona. Diese wurde im 12. Jahrhundert erstmals von dem dänischen Chronisten Saxo Grammaticus beschrieben, war jedoch nachweislich bereits im 9. Jahrhundert ein wichtiges Burgenzentrum, in dem sich Kaufleute aufhielten und in dem Kulthandlungen stattfanden. Ähnlich wie Rugard diente auch Arkona als Fluchtburg für die Bevölkerung. Gleichzeitig war Arkona jedoch auch ein wichtiges politisches Versammlungszentrum, in dem die Volksversammlung von Arkona zusammentrat. Diese besaß Entscheidungsbefugnis in wichtigen politischen Angelegenheiten, die auch das gesamte Volk der Ranen betreffen konnten.

Auch Arkona besaß ebenfalls einen wichtigen Seehafen. Dieser lag zunächst wahrscheinlich bei Vitt, da dort ein Taleinschnitt die Überwindung der etwa 20 Meter hohen Steilküste ermöglichte. Im Laufe der Zeit erwies sich diese Landestelle jedoch als ungeeignet, da durch die Lage am offenen Meer die Gefahren eines unbemerkten Überfalls stiegen und somit eine größere Ansiedlung verhinderte. Das Hafentreiben verlagerte sich daher im 9./ 10. Jahrhundert in eine Vorburgsiedlung Arkonas, nach Putgarten.
Auch für Arkona kann der Ostseehandel mit verschiedenen Ländern nachgewiesen werden. Ein bedeutender Fund bestätigt Arkona sogar Handelsbeziehungen zu arabischen Ländern. Hierbei handelt es sich um einen Silberschatz aus ganzen und zerhackten Münzen, die vor 844 vor allem in den östlichen arabischen Ländern geprägt wurden. Gefunden wurde in diesem Zusammenhang auch ein Griffel mit arabischer Inschrift. Das Gewicht des gesamten Schatzes beträgt über 2750 g. Sein Wert war in der damaligen Zeit sehr hoch, er betrug in etwa 20 Pferde oder 20 Sklavinnen oder 200 Schafe. Gefunden wurde er in einem Körbchen aus Rutengeflecht, vergraben im Fußboden am Ofen eines Kaufmannshauses.

In Arkona befand sich auch das Hauptheiligtum der Ranen, der so genannte Svantevittempel. Die Stelle, an der jener Tempel einst stand, ist heute bereits von der Ostsee überflutet worden, jedoch sind noch Reste der massiven Wälle auf der Kreideküste von Kap Arkona sichtbar. Der Svantevittempel war insofern bedeutsam, als das er nach der Zerstörung Rhetras 1068, dem Hauptheiligtum aller Slawen im heutigen Mecklenburg, dessen Vorrangstellung übernahm. Arkona war danach das neue politische und kultische Zentrum der Slawen geworden, wenn auch nur für kurze Zeit, denn knapp ein Jahrhundert später wurde es ebenfalls, allerdings von den Dänen, zerstört.
Der in Arkona verehrte Gott Svantvit wurde von den Slawen stets als ein vierköpfiges Wesen dargestellt, dass in der rechten Hand ein mit Wein gefülltes Horn hielt. Dieses diente den Ranen als Orakel, denn je nach Schwund der Flüssigkeit wurde der Ausgang der Ernte vorausgesagt. Neben Tieropfern, Opfergaben in Form von Wein oder rundem Honigkuchen, wurden auch Svantevit Menschenopfer dargebracht, die ebenfalls auf Kauf- oder Piratenfahrten erworben wurden.
Die Vielköpfigkeit Svantevits symbolisierte wahrscheinlich die mehrfache Gewalt dieser Gottheit, wobei gesagt werden muss, dass gerade diese Vielköpfigkeit charakteristisch für slawische Gottheiten ansich war. Zur plastischen Darstellung Svantevits ist außerdem zu sagen, dass er zuweilen auf dem Rücken eines mächtigen Pferdes sitzend dargestellt wurde. Die Ranen glaubten, dass er so seine nächtlichen Kriegszüge unternahm. Mit Hilfe des Pferdes, welches ebenfalls als Orakel diente, wurde über das Gelingen oder Misslingen von beabsichtigten Feldzügen entschieden. Wenn das Pferd nämlich eine vor dem Heiligtum liegende Reihe von Lanzen zuerst mit dem rechten Bein überschritt, war dies ein Omen für Kriegsführung, andernfalls wurde Abstand von dem Gedanken an einen Feldzug genommen. Die Orakel des Svantevit haben großes Vertrauen genossen, wie aus den im 12./13. Jahrhundert angefertigten Aufzeichnungen des dänischen Priesters Saxo Grammaticus hervorgeht.

Zur Religion der Slawen, somit auch der Ranen auf Rügen, kann generell gesagt werden, dass es sich bei diesem Volk aus christlicher Sicht um ein heidnisches, gottloses Volk handelte. Die Wurzeln ihrer Religion sind im Indogermanischen zu finden, denn diese weist ähnliche Merkmale wie die der alten Griechen, Römer, Kelten und Germanen auf. So spielt z.B. der Dualismus von Gut und Böse, Licht und Finsternis eine große Rolle. Belbog ist demnach der gute, helle, weiße Gott und Czernebo der Gott der Finsternis, der böse und dunkel ist. Das Wirken Beider spiegelte sich nach Ansicht der Slawen in den Naturkräften wieder. Zusätzlich zu den großen überregionalen Gottheiten wie z.B. Svantevit, wurden von den einzelnen Stämmen verschiedene Götter verehrt, die nicht immer eine über den Stamm hinausgehende Bedeutung hatten. Neben diesen regionalen und überregionalen Stammesgottheiten war der Glaube an Dämonen, Geister und Hausgötter ebenfalls weit verbreitet.

Obwohl die Zeit der Besiedlung Mecklenburgs durch die Slawen schon mehrere Jahrhunderte zurück liegt, und die Slawen seit Beginn ihrer Siedlungstätigkeit ständig Veränderungen unterworfen waren, lassen sich ihre Spuren bis ins heutige tägliche Leben hinein verfolgen. So lassen sich noch viele Ortsnamen finden, die eindeutig slawischen Ursprungs sind. Erinnert sei hierbei z.B. an Namen mit dem Suffix -ov oder -ow. Des Weiteren sind bemalte Eier zu Ostern ebenfalls ein eindeutiges Relikt slawischer Kultur, welche bis heute überlebt hat.