Die Christianisierung Rügens

Rügen im Jahre 1168. Praktisch ganz Mitteleuropa ist bereits christianisiert. Auf der Insel Rügen leben die slawischen Ranen. Sie verehren in ihren Tempelburgen vielgesichtige Götter wie Rugievit, Porevit und Porenut. Den mächtigsten ihrer Götter nennen sie Swantevit. Um ihm zu huldigen, pilgern Menschen aus dem gesamten westslawischen Raum in das Hauptheiligtum der Gottheit nach Arkona ans Nordkap der Insel. Sie bringen ihm Opfergaben, wie Münzen, Glasperlen, aber auch Menschenopfer dar. Im Kriegsfall befragen sie das Orakel. Zu diesem Zweck führen die Priester des Swantevit sein Schlachtroß über zwei gekreuzte Lanzen. Je nachdem mit welchem Huf das Pferd die Lanzen zuerst
überschreitet entscheidet es über Sieg und Niederlage.

Als die Dänen unter der Führung von König Waldemar I. und dem Bischof Absalon von Roskilde die Insel Rügen im Juni des Jahres 1168 zum wiederholten Mal erobern wollen, scheint das Orakel sich gegen die einheimischen Ranen gewendet zu haben. Entgegen ihrer sonst so kriegerischen Einstellung, (immerhin zerstörten sie 1138 unter ihrem Anführer Race Alt-Lübeck fast vollständig) ergeben sie sich nach kurzer Belagerung und lassen es zu, daß die Dänen die Abbilder ihrer Götter zerstören und als Feuerholz für ihre Siegesfeier verbrennen.

So überlieferte es uns Saxo Grammaticus, der christliche Kriegsberichterstatter im Dienste der Dänen.

Heute ist nur noch der ehemalige Burgwall der Feste zu erkennen, den Rest des Tempels haben inzwischen die Ostseewellen verschlungen.

Der reichhaltige Sagenschatz Rügens, berichtet uns jedoch auch über das Weiterleben der heidnischen Kulte neben dem Christentum:

..." In Schmantevitz steht eine alte Scheune, deren Umfassungsmauern bestehen aus Findlingen, die bald nach 1168 von Arkona aus dorthin geschafft sein sollen. In der Scheune aber wurde noch lange Zeit nach Einführung des Christentums der Götzendienst des Swantevit fortgesetzt, und es befand sich dort auch ein großes steinernes Bild des Swantevit, welches schließlich in einem zwischen Schmantevitz und Woldenitz gelegenen Moor, "de Lüß" genannt versenkt wurde."...

Historisch verbrieft ist lediglich, daß die Sprache der Ranen noch bis ins 15.Jahrhundert hinein gesprochen wurde.

Aus den Palisaden der Festung Arkona soll der Legende nach die nicht weit entfernte Basilika von Altenkirchen erbaut sein. Sie war eine von zwölf Kirchen die Dänen auf ehemals slawischen Kultorten errichtet und geweiht haben.

An der ehemaligen Außenmauer der Basilika kann man auch heute noch ein Relikt aus slawischer Zeit entdecken, den fälschlicherweise so genannten Swantevitstein. Dargestellt ist aber vielmehr ein Priester der Gottheit - erkennbar an dem rituellen Trinkhorn in seiner Hand. Er ist das Sinnbild für die gestürzte, einst so mächtige Priesterkaste der Ranen, den eigentlichen Verlierern der Christianisierung.

In Bergen, dem Hauptort Rügens, ließ der machthungrige Rügenfürst Jaromar, mittlerweile christianisierter Rane, um 1180 die Marienkirche erbauen.
Ursprünglich war sie als Herrschaftskirche mit angegliederter Pfalz gedacht. Als die dänischen Lehnsherren von seinen Plänen erfuhren, mußte er davon abrücken und es entstand anstelle der Pfalz das 1193 begründete Zisterzienserkloster.

Bei dem slawischen Bildstein an der Außenmauer handelt es sich möglicherweise um den Grabstein Jaromars.

Der Jaromarkelch, noch heute im Besitz der Gemeinde ist nicht nur kulturhistorisch von außerordentlichem Wert. Angeblich war er ein Geschenk des Dänenkönigs Waldemar an seine neuen Vasallen.

Es ist viel geschrieben und berichtet worden über die Sagen und Mythen Rügens. Die Ausgrabungen in Arkona, dem “Troja der Slawen”, sind noch lange nicht beendet und an anderer Stelle schlummern Relikte aus unserer Geschichte im Erdboden und warten auf ihre Entdeckung. So werden wir auch in Zukunft noch viele aufseheneregende neue Erkenntnisse über diese geschichtsträchtige Insel gewinnen können.

Originalautor: Dirk Kuring