Das Runenorakel

Während das Jüngere Futhark vermutlich eher schrifttechnische Bedeutung hatte, wurde das Ältere Futhark hauptsächlich zum Weissagen oder für Weihehandlungen (z.B. Gravuren auf Schwertern und Helmen) verwendet.

Die 24 Runen des Älteren Futhark lassen sich anhand ihrer übergeordneten Bedeutung in 3 Gruppen zu jeweils 8 aufeinanderfolgenden Zeichen zusammenfassen. Die erste Rune in einer solchen Gruppe gibt auch gleichzeitig den Namen derselben an.
Diese Gruppierungen werden im altnordischen "Aettir" (aett = Familie, Geschlecht) genannt und mit verschiedenen nordischen Gottheiten in Verbindung gebracht. Dies soll die folgenden kleine Tabelle veranschaulichen:

Bezeichnung und Runen Gottheit Bedeutung/Bezug
1. Aett
Fehu, Uruz, Thurisaz, Ansuz, Raido, Kano, Gebo, Wunjo
Freyr Die Runen dieses Aett geben Auskunft über die Belange des Lebens (Stabilität, Sicherheit, Frieden), wobei die menschliche Schaffenskraft eine wichtige Rolle spielt.
2. Aett
Hagalaz, Nauthiz, Isa, Jera, Eihwaz, Perth, Algiz, Sowelu
Odin Diese Runengruppe steht für Bereiche des Lebens, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen (Natur, Zeit, Schicksal). Die Runen zeigen auf äußere, nicht beeinflußbare Umstände und Bedingungen.
3. Aett
Tiwaz, Berkana, Ehwaz, Manaz, Laguz, Ingwaz, Dagaz, Othila
Tyr Das spirituelle Wachstum, die geistige Reife und die Transformation des Menschen in andere Seinsebenen stehen im Mittelpunkt dieses Aett.

Bei der Arbeit mit dem Runenorakel sollte man sich einige Grundsätze zu Herzen nehmen. Ein gutes Orakelsystem bietet vor allem eine Analyse der Gegenwart. Man kann es auch anders ausdrücken: “Weissagung ist nicht nur Zukunftsschau!”
Der Umgang mit den Runen dient der Ratfindung (“Runen raunen rechten Rat” hieß es früher.) und dem Hantieren mit den Kräften, die unser Leben bestimmen.
Es ist zu empfehlen, sich ersteinmal nur mit der Analyse seines gegenwärtigen Seins zu befassen, bevor man versucht einen Blick in die Zukunft zu werfen. Da diese in der Gegenwart wurzelt, ist eine reine Konzentration auf das Zukünftige oftmals nicht von Erfolg gekrönt, denn wer die Gegenwart auf Kosten der Zukunft vernachläßigt, erlebt häufig ein böses Erwachen.

Fragen und Antworten

Beim praktischen Umgang mit dem Orakel sollten die folgenden Punkte beherzigt werden, um zu optimalen Ergebnissen zu gelangen.

Keine Ja-oder-Nein-Fragen
Eine einfach Ja-oder-Nein-Frage wird der Komplexität der Runen einfach nicht gerecht. Die Runen sind Bilder und Symbole, dementsprechend sind ihre Antworten dies ebenso. Mit ein wenig Übung ist es jedoch möglich aus dem Orakel recht exakte Antworten zu bekommen. Die Frage “Sollte ich mich mit X treffen?” stellt man besser in der Form “Wie wird mein Treffen mit X verlaufen?”
Keine Suggestivfragen
Eine gefährliche Versuchung ist es, Fragen zu stellen, die die Antwort schon vorwegnehmen, z.B. “Wann werde ich zum Kanzler berufen?” oder “Wann werde ich reich?” etc. Es wird bei solchen Fragen suggeriert, daß das Ereignis eintritt, es geht nur noch um den richtigen Zeitpunkt - das aber ist Selbsttäuschung! Man kann Fragen dieser Art jedoch so umformulieren, daß das Orakel eine vernünftige Antwort liefern kann. Aus unseren beiden Beispielen würde dann: “Warum werde ich nicht zum Kanzler berufen?” bzw. “Wie wird es, wenn ich morgen Lotto spiele?”
Keine vagen Fragen
Allzu vage Fragen (z.B. “Wie werde ich glücklich?”) sind ebenfalls nicht angebracht, da diese Äußerungen viel zu unscharf sind und man häufig selbst nicht so genau weiß, was man eigentlich will. Hierzu sei noch angemerkt: Die Runen helfen bei der Entscheidungsfindung, sie sollen sie uns aber nicht abnehmen!
Keine überpräzisierten Fragen
Auf Fragen wie “Wer hat ... ?” oder “Was passiert am 03.03.3333?” wird man vom Orakel keine brauchbaren Antworten erhalten.
Im eigenen Erfahrungsbereich bleiben
Man sollte sich bei der Befragung der Runen immer im eigenen Erfahrungsbereich aufhalten. Fragen über ein gewisses Themengebiet machen nur Sinn für jemanden, der sich damit auskennt und auch beschäftigt. Auch werden Fragen, die zu groß sind, häufig keine Antwort liefern, bei der man zu einer Interpretation in der Lage ist (z.B. “Wie geht es weiter mit der Weltpolitik?”). Es gilt also auch beim Runenorakel: “Schuster bleib bei deinen Leisten.”
“Führe das Orakel nie in Versuchung!”
Skeptiker und Anfänger erliegen häufig der Versuchung dieselbe Frage mehrfach hintereinander zu stellen um dann auf eine andere oder bessere Antwort zu hoffen. Auch wenn es oft vorkommt, daß die zweite Antwort der ersten entspricht, sollte man dies besser als Warnung auffassen.
Das Orakel fordert vom Befrager einen gewissen Respekt. Wird dieser verweigert, so gibt es in Zukunft nur noch falsche oder ungenaue Antworten. Man kann sich hierdurch den Zugang zum Orakel für lange Zeit - vielleicht sogar für immer - verbauen.
Auch sollte man die Sprüche des Orakels niemals als unabänderlichen Schicksalsspruch ansehen. Sie geben uns Hinweise auf Einflußfaktoren und unterbewußte Wesensüge, die uns sonst vielleicht entgangen wären. Das Orakel ist also vielmehr ein Brückenschlag zu unserem eigenen schlummernden Ich. Es zeigt uns Möglichkeiten auf, die wir ergreifen können um unser Wissen zu erweitern und dadurch zu neuen, brauchbaren Entscheidungen zu kommen!

Vorbereitung

Bei der Durchführung eines Runenorakels sind natürlich Runensteine unerlässlich. Es sind selbige für den Einsteiger in einschlägigen Kreisen käuflich zu erwerben. Der tiefer interessierte bzw. fortgeschrittene wird jedoch nicht umhin kommen, sich eigene Steine anzufertigen. Wie dies genau von statten geht, werde ich an anderer Stelle erläutern.
Die Befragung der Runen ist eine sehr persönliche Angelegenheit und demnach ist auch die angenehmste Umgebung für jede Person verschieden. Wichtig ist im Grunde nur, sich in einen Zustand innerer Ausgeglichenheit und Ruhe zu versetzen. Man sollte versuchen eventuelle Anspannungen für den Augenblich der Runenziehung abzustreifen.
Sofern dies erreicht wird, ist das weitere Umfeld nicht wirklich von Bedeutung. Bei gewichtigen Dingen von großer Tragweite empfiehlt es sich jedoch einen alten Hain aufzusuchen oder einen ähnlich heiligen und ruhigen Ort.

Verschiedene Orakeltechniken

Da unser Wissen über die Orakeltechniken und unsere Vorfahren im Allgemeinen - gelinde gesagt - sehr begrenzt sind, machen wir uns an den wenigen bekannten Fakten fest und bedienen uns neu entwickelter (oder wiederentdeckter) Techniken aus der esoterischen Runenkunde.

Wir wissen, daß Runen häufig geworfen wurden, und daß die Lage der Rune für die Deutung des Orakel wichtig ist.

Das Runenziehen
Dies ist die wohl einfachste Technik. Nach eingehender Konzentration auf die Frage, greift man in einen Beutel mit Runenstäben oder -steinen und entnimmt ihm eine Rune. Diese wird dann gedeutet. Die Hinweise zur Deutung sind an die einzelnen Runen in der Runensektion angekoppelt.

Eine gute Anwendung dieser Technik bietet beispielsweise das Prinzip der Tagesrune. Man zieht am Morgen eine Rune und deutet diese in der Art “Was könnte mir dieser Tag bringen?” oder “Wie gehe ich in diesen Tag?”.
Am Abend zieht man dann noch einmal eine Rune und deutet den abgelaufenen Tag im Hinblick auf die Rune.
Dieses Orkalprinzip ist recht einfach und daher auch für Anfänger geeignet. Es erhöht bei regelmäßiger (täglicher) Anwendung auch das Gespür und Gefühl für die Runen und deren Deutung.

Das Runenwerfen
Zwei Methoden des Runenwerfens werden hier vorgestellt. Für beide Varianten benötigt man ein weißes Tuch, das auf dem Boden ausgelegt wird, evtl. auf einer weichen Unterlage.
  1. Man sitzt mit dem Gesicht nach Norden vor dem Tuch und konzentriert sich intensiv auf die Frage. Dann werden die Runensteine mit geschlossenen Augen auf das Tuch geworfen. Der Runenstein, der am weitesten nach Norden fällt, wird als Antwortrune verwendet. Fallen mehrere Runen gleich weit, werden sie zusammen gedeutet.
  2. Nach intensiver Konzentration auf die Frage werden die Runensteine mit geschlossenen Augen auf das Tuch geworfen und eine ungerade Anzahl von Runen gezogen und nebeneinander ausgelegt. Bei der Deutung geben die Kombination und Reihenfolge der Steine genauere Auskunft über die Angelegenheit.

    Im Anschluß noch zwei Beispiele für Orakel.

    1. Beim Ziehen von drei Runen gibt die erste Aufschluß über die gegenwärtige Situation, die zweite zeigt auf die zur Veränderung notwendige Handlungsweise hin und die dritte Rune symbolisiert den daraus entstehenden neuen Zustand.
    2. Da es sich bei allen ja doch immer nur um das Eine dreht, hier noch ein Beziehungsorakel. ;-)


      7___2
      6_1_3
      5___4

      Die Ziffern auf den Runen im Schema geben die Reihenfolge der gezogenen Runen vor (Die erste gezogene Rune kommt an Stelle 1 usw.). Die linke Runensäule steht dabei für den Fragenden und die rechte für den Partner.
      Die Rune in der Mitte (1) verdeutlicht die momentane Situation in der Beziehung. Die zweite Rune (2) zeigt die emotionale und gedankliche Ebene, auf der der Partner dem Fragenden begegnet. Rune Nummer Drei (3) repräsentiert das Seelenleben des Partners, seine/ihre Gefühle, Wünsche, Befürchtungen etc. Rune 4 steht für die äußere Haltung bzw. das Verhalten des Partners (beides muß mit seinen/ihren wirklichen Empfindungen nicht zwangsläufig etwas zu tun haben).
      Die fünfte Rune (5) zeigt wie der Fragesteller selbst die Beziehung bewertet, Rune 6 steht für die eigenen Empfindungen, Hoffnungen und Ängste, während Rune 7 das eigene äußere Auftreten versinnbildlicht, das ebensowenig wie das des Partners mit der eigentlichen Gefühlslage übereinstimmen muß.

Ein paar Hinweise zum Schluß

Nach dem Ziehen bzw. Werfen der Runen, sollte man diese in aller Ruhe auf sich wirken lassen und bei der Interpretation nichts überstürzen. Eine allzu begierige und verkrampfte Haltung führt nur zu Fehldeutungen.

Man sollte Wunschprojektionen vermeiden und selbstkritisch sein. Innere Gelassenheit und Ruhe sind das oberste Gebot für eine ordentliche Deutung der Runen!

Für den Anfang sollte man mit einfachen Fragen beginnen und erst nach ausreichender Erfahrung auf schwierigere und komplizierte Anliegen kommen.

Befrage das Runenorakel niemals im Zustand großer seelischer Aufregung oder Verzweiflung!

In alten Zeiten war es Weissagern und Weissagerinnen sogar verboten ihre Orakel bei Gewitter oder Regen zu befragen. Man sollte herausfinden, wann einem die Orakeldeutung schwer bzw. leicht fällt (Mondphasen, Wetterfühligkeit) und sich an diesen Zeiten orientieren. Es sollte vermieden werden allzu verkrampft auf Erfolg erpicht zu sein. Eine gewisse Leichtigkeit und Heiterkeit - ohne jedoch respektlos zu sein - ist dabei von Vorteil.

Somit bleibt mir nur zu hoffen, daß diese Seite dem Wissensdurstigen weitergeholfen hat und dem Runenorakel Interessierten eine Hilfe war.