Die Germania

Die "Germania" gilt als die erste umfassende ethnologische Arbeit über die Lebensweise der Germanen. Obwohl diese Schrift nicht unumstritten ist, und man leicht erkennt, daß sie wohl hauptsächlich als politische Streitschrift dienen sollte, so gibt sie doch einen für damalige Verhältnisse guten Einblick in Alltag und Brauchtum der Germanen.

Tacitus
Germania
  1. Die Grenzen Germaniens
  2. Urgeschichte, Der Name
  3. Kampflieder
  4. Volkscharakter
  5. Landschaft, Erträgnisse und Handel
  6. Waffen, Kampfkraft und Kampfesweise
  7. Könige und Herzöge, Die Frau im Kampfe
  8. Die Heiligkeit der Frau
  9. Götter
  10. Deutung göttlichen Willens
  11. Thing
  12. Recht und Strafe
  13. Waffennahme, Gefolgschaft
  14. Gefolgsherr und Gefolgschaft, Kämpferische Haltung
  15. Ehrengaben
  16. Siedlung, Bauten
  1. Kleidung
  2. Eheschliessung, Die Frau
  3. Keuschheit der Frau
  4. Germanische Jugend, Germanisches Erbrecht
  5. Germanisches Erbrecht, Gastlichkeit des germanischen Menschen
  6. Tageslauf, Gelage
  7. Speisen und Getränke
  8. Schauspiele, Würfelspiel
  9. Behandlung der Sklaven, soziale Verhältnisse
  10. Landwirtschaft
  11. Bestattungssitten
  12. Gallier und Germanen, linksrheinische Germanen
  13. Bataver, Mattiaker, Zehntland
  14. Chatten, Vorzüge des Chattenstammes
  15. Die chattischen Berserker
  16. Usiper, Tenkterer
  1. Brukterer
  2. Friesen
  3. Nordgermanen
  4. Cherusker und Foser
  5. Bedeutung der Kimbern, Rom und Germanen
  6. Sueben, Haartracht der Sueben
  7. Der Semnonenhain
  8. Der Nerthuskult
  9. Hermunduren
  10. Markomannen
  11. Marsigner, Lugier, Nahanarvalen, Harier
  12. Goten, Suionen
  13. Im höchsten Norden, Ästier, Bernsteinhandel, Sithonen
  14. Peukiner, Venether, Fennen, Fabelwesen im

    äußersten Osten


I - Die Grenzen Germaniens

Germanien in seiner gesamten Ausdehnung wird von den Galliern und

den Rätern und Pannoniern durch die Flüsse Rhein und Donau, von den

Sarmakaten und Dakern durch die beiderseitige Furcht oder durch

Gebirgszüge abgegrenzt; die übrigen Teile umspült der Ozean, der

breite Halbinseln und Inseln von unermeßlicher Ausdehnung umschließt,

auf denen man erst in jüngerer Zeit einige Völkerschaften und Könige

entdeckt hat, deren Kenntnis (uns) der Krieg erschloß. Der Rhein

entspringt auf einem unzugänglichen, steilen Gipfel der Rätischen

Alpen, wendet sich nach mäßiger Krümmung nach Westen und mündet in

die Nordsee. Die Donau kommt von dem sanft und allmählich

ansteigenden Bergrücken des Schwarzwalds und berührt (auf ihrem

Laufe) zahlreiche Völker, bis sie sich schließlich in sechs Flußarmen

den Durchbruch ins Schwarze Meer erkämpft; ein siebenter Arm verliert

sich in sumpfigem Gebiete.

II - Urgeschichte, Der Name

Von der Germanen selbst möchte ich glauben, daß sie Ureinwohner

(des Landes) und kaum durch das Eindringen und die bereitwillige

Aufnahme fremder Völker mit anderen vermischt sind. Denn nicht auf

dem Landwege, sondern zu Schiff kamen in alter Zeit die Menschen, die

ihre Wohnsitze zu verändern suchten, in andere Länder, und der sich

in unermeßliche Weiten verlierende und sozusagen auf einer Welt uns

gegenüberliegende Ozean wird ja auch nur selten von Schiffen unseres

Erdteiles befahren. Wer hätte ferner, ganz abgesehen von den Gefahren

des schaurig bewegten und unbekannten Meeres, Asien oder Afrika oder

Italien den Rücken kehren und nach Germanien ziehen wollen, das ohne

Reiz im Aufbau seiner Landschaft und rauh im Klima, dessen

Gesamteindruck niederdrückend ist - es sei denn es wäre seine

Heimat?

Die Germanen preisen in uralten Liedern, der einzigen Art von

geschichtlicher Überlieferung, die es bei ihnen gibt, den

erdenentsprossenen Gott Tuisto. Ihm weisen sie einen Sohn Mannus als

den Urahn und Stammvater ihres Volkes zu, dem Mannus (wieder) drei

Söhne, nach deren Namen die unmittelbar an der Küste des Ozeans

lebenden Stämme Ingävonen, die Völker in der Mitte des Landes

Herminonen, die übrigen Istävonen heißen sollen. Manche behaupten,

wie es bei einer so weit zurückliegenden Zeit leicht zu vertreten

ist, der Gott habe mehr Söhne gehabt und es gebe (entsprechend) mehr

Stammesnamen - Marser, Gambrivier, Sueben, Vandilier -, und dies

seien die echten alten Namen; die Bezeichnung Germanien sei dagegen

jüngeren Ursprungs und vor nicht allzulanger Zeit aufgekommen; denn

die Leute, die zuerst den Rhein überschritten und Gallier vertrieben

hätten, die jetzigen Tungrer, hätten damals Germanen geheißen: der

Name eines einzelnen Stammes, nicht des Gesamtvolkes habe sich

allmählich in der Weise durchgesetzt, daß zunächst die Gesamtheit der

Germanen wegen des Schreckens, der dem Namen anhaftete, von dem

Sieger so genannt wurde, sich dann aber auch selbst so bezeichnete,

nachdem der Name einmal aufgekommen war.

III - Kampflieder

Man berichtet, auch Herkules sei bei ihnen gewesen, und ihn

besingen die Germanen (wirklich) als den hervorragensten ihrer

Helden, wenn sie in den Krieg ziehen. Es gibt bei ihnen auch eine Art

von Liedern, durch deren Vortrag, den sie als "barditus" bezeichnen,

sie den Mut (der Kämpfer) beleben und den Ausgang einer

bevorstehenden Schlacht - lediglich nach dem Klang - deuten: sie

verbreiten nämlich oder empfinden Schrecken, je nachdem wie der

Gesang der Kämpfer ausfiel, und sie sehen in ihm weniger ein

Zusammenklingen ihrer Stimmen als ihrer tapferen Herzen. Erstrebt

wird vor allem Rauheit im Klang und ein stoßweise hervorgebrachtes

dröhnendes Gebrüll. Sie halten dabei die Schilde nahe an den Mund, um

die Stimme durch den Widerhall voller und dumpfer anschwellen zu

lassen.

Übrigens meinen manche, auch Odysseus habe - auf jener langen,

sagenumwobenen Irrfahrt in diesen Teil des Ozeans verschlagen - die

Länder Germaniens besucht und Asciburgium, das am Rhein liegt und

heute noch bewohnt ist, gegründet und benannt; ja man habe sogar

einen dem Odysseus geweihten Altar, auf dem noch der Name seines

Vaters Laertes hinzugefügt gewesen sei, einst an der gleichen Stelle

gefunden, und einige Grabhügel mit Denkmälern, auf denen griechische

Schriftzeichen ständen, gäbe es noch heutigen Tages im Grenzgebiet

zwischen Germanien und Rätien. Das habe ich weder durch Beweise zu

stützen noch zu widerlegen im Sinn; mag dem jeder nach seiner

Auffassung den Glauben versagen oder Glauben schenken.

IV - Volkscharakter

Ich selbst schließe mich der Meinung derer an, die glauben, daß

die Stämme Germaniens - in keiner Weise durch eheliche Verbindungen

mit anderen Völkern verfälscht - ein eigenwüchsiges, unvermischtes

Volk von unvergleichlicher Eigenart sind. Darum ist auch die äßere

Erscheinung, soweit man das bei einer so großen Zahl von Menschen

sagen kann, bei allen gleich: alle haben trotzige, blaue Augen,

rotblondes Haar und hünenhafte Leiber, die freilich nur zum Angriff

taugen. In mühseliger Arbeit und Strapazen haben sie nicht die

gleiche Ausdauer, und am wenigsten sind sie Durst und Hitze zu

ertragen gewöhnt, wohl aber infolge des Klimas und der

Bodenbeschaffenheit Kälte und Hunger.

V - Landschaft, Erträgnisse und Handel

Die Landschaft zeigt zwar im einzelnen eine gewisse Abwechslung,

ist aber im ganzen doch schaurig durch ihre Wälder oder durch Sümpfe

entstellt, reicher an Niederschlägen, wo sie den gallischen Provinzen

zugewandt ist, windreicher nach Norikum und Pannonien hin. Das Land

ist fähig, die Saat zur Reife zu bringen, kaum gewillt, Obstbäume zu

tragen, zwar reich an Vieh, aber das ist meist wenig ansehnlich.

Nicht einmal das Pflugvieh hat in dem stolzen Stirnschmuck die ihm

zukommende Auszeichnung: die Germanen freuen sich, wenn sie viel Vieh

haben, und das ist ihr einziger und der ihnen willkommenste

Reichtum.

Ob ihnen die Götter aus Gnade oder im Zorn Silber und Gold versagt

haben, vermag ich nicht zu entscheiden; dabei will ich nicht

behaupten, keine Ader in Germanien führe zu Silber oder Gold; denn

wer hätte je danach geforscht? Jedenfalls machen Besitz und Gebrauch

auf sie keinen sonderlichen Eindruck. Man kann beobachten, daß bei

ihnen silberne Gefäße, die ihren Gesandten und Fürsten als Ehrengabe

überreicht worden sind, nicht höher eingeschätzt werden als Gefäße

aus Ton. Unsere unmittelbaren Grenznachbaren wissen jedoch infolge

der Handelsbeziehungen Gold und Silber zu schätzen, erkennen manche

Ausprägungen unseres Geldes an und bevorzugen sie; die im Innern des

Landes Wohnenden treiben in einfacherer und altertümlicherer Weise

Tauschhandel. Sie nehmen gern das alte und seit langem bekannte Geld,

Stücke mit gezähntem Rand und dem Bilde des Zweigespanns. Sie halten

sich lieber an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer

Liebhaberei, sondern nur, weil eine (größere) Anzahl Silbermünzen

beim Einkauf von billigem Kleinkram handlicher ist.

VI - Waffen, Kampfkraft und Kampfesweise

Nicht einmal Eisen ist im Überfluß vorhanden, wie sich aus der Art

ihrer Angriffswaffen ergibt. Nur wenige haben Schwerter oder

Speereisen von größerer Länge und Breite; sie tragen Stoßlanzen oder

- nach ihrer eigenen Bezeichnung - "Framen" mit einer schmalen und

kurzen, aber so scharfen und praktisch gut verwendbaren Eisenspitze,

daß sie, je nach den Erfordernissen der Kampflage, mit derselben

Waffe aus geringerer oder größerer Entfernung kämpfen können. Der

Reiter begnügt sich mit Schild und Frame; die Kämpfer zu Fuß

schleudern auch kleinere Wurfspieße - jeder mehrere -, und sie

schnellen sie ungeheuer weit, mit nacktem oder nur mit einem Mantel

leicht bekleidetem Oberkörper. Es gibt kein Prunken mit schmucken

Waffen; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit besonders

ausgesuchten Farben. Nur wenige haben Brustpanzer, kaum der eine oder

andere einen Metall- oder Lederhelm.

Ihre Pferde fallen weder durch Schönheit noch durch Schnelligkeit in

die Augen; aber man richtet sie auch nicht nach unserer Art dazu ab,

verschiedenartige Kreisbewegungen auszuführen: sie lassen sie

geradeaus oder in einer einzigen Wendung nach rechts traben, und zwar

in einem so dicht geschlossenen Bogen, daß niemand

zurückbleibt.

Im ganzen gesehen, liegt das Schwergewicht bei der Fußtruppe, und

darum kämpfen sie in gemischtem Verband; die Behendigkeit der

Fußsoldaten, die sie aus der gesamten Jungmannschaft aussuchen und

vor die Front stellen, paßt sich dabei dem Reiterkampf vorzüglich an.

Festgelegt ist auch die Zahl (solcher Kämpfer): es sind je hundert

aus jedem Gau, und ebendanach heißen sie auch bei ihnen

(Hundertschaften), und was anfangs nur eine Zahlbezeichnung war, ist

nunmehr ein Ehrentitel.

Das Hauptheer wird aus keilförmigen Abteilungen gebildet. Von der

Stelle zu weichen gilt eher als ein Zeichen kluger Taktik als von

Furcht, wenn man nur wieder nachstößt. Die Leichen ihrer Gefährten

bringen sie auch in Gefechten mit zweifelhaftem Ausgang zurück. Den

Schild preisgegeben zu haben ist eine Schande ohnegleichen; wer so

seinen guten Ruf verlor, darf weder an Opferhandlungen teilnehmen

noch das Thing besuchen, und viele, die den Krieg glücklich

überstanden, haben ihrer Schmach mit dem Strick ein Ende gemacht.

VII - Könige und Herzöge, Die Frau im Kampfe

Die Könige wählen sie nach dem Adel ihrer Abkunft, die Herzöge auf

Grund persönlicher Tapferkeit. Den Königen steht keine unbegrenzte

oder willkürliche Machtbefugnis zu, und die Herzöge führen mehr durch

ihre Vorbildlichkeit als durch Befehlsgewalt: wenn sie entschlossen

sind, wenn sie sich hervorragend schlagen und vor der Front ihren

Mann stehen, dann führen sie dank der Bewunderung, die man ihnen

entgegenbringt. Übrigens ist es nur den Priestern gestattet, jemanden

zu töten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen, (und das geschieht)

nicht etwa zum Zwecke der Bestrafung oder auf Geheiß des Herzogs,

sondern gleichsam auf Befehl der Gottheit, an deren hilfreiche

Anwesenheit im Kampfe sie glauben. In die Schlacht nehmen sie aus den

heiligen Hainen Bilder (der den Göttern heiligen Tiere) und gewisse

Symbole (ihrer Gottheiten) mit; der stärkste Ansporn zur Tapferkeit

ist aber die Tatsache, daß nicht Zufall und willkürliche

Zusammenrottung die Reitergruppe oder den Keil bilden, sondern die

Sippen und die weitere Verwandschaft. Und in nächster Nähe (des

Schlachtfeldes) befinden sich ihre (heiligsten) Unterpfänder, (ihre

Lieben,) so daß sie von dort die lauten Kampfrufe ihrer Frauen, das

Wimmern ihrer Kinder hören können. Dies sind für jeden die heiligsten

Zeugen, auf ihre Anerkennung legt jeder den größten Wert: zu den

Müttern, zu den Frauen bringen sie ihre Wunden, und diese zeigen

keine Scheu, die Verletzungen zu zählen und genau zu untersuchen; sie

bringen auch den Kämpfern Speise und Zuspruch.

VIII - Die Heiligkeit der Frau

Es wird berichtet, daß manches schon zum Weichen gebrachte und

zurückflutende Heer von den Frauen dadurch zum Stehen gebracht worden

ist, daß sie (die Zurückgehenden) inständig (um Schutz) baten, ihnen

die entblößte Brust entgegenhielten und auf die unmittelbar drohende

Gefangenschaft hinwiesen, die die Germanen viel leidenschaftlicher

für die Frauen fürchten; (das geht) so weit, daß man wirkungsvoller

die Stämme verpflichtet, die unter den Geiseln auch vornehme junge

Mädchen stellen müssen.

Ja, die Germanen meinen sogar, den Frauen sei eine gewisse Heiligkeit

und seherische Gabe eigen, und so verschmähen sie weder ihren Rat,

noch verachten sie den erteilten Bescheid. Wir haben unter dem

göttlichen Vespasian die Veleda gesehen, die lange Zeit bei nicht

wenigen Germanen als göttliches Wesen anerkannt war; aber auch schon

in alter Zeit haben sie die Albruna und mehrere andere verehrt, nicht

in kriecherischer Unterwürfigkeit und nicht in der Meinung, sie

machten sie erst zu Göttinen.

IX - Götter

Unter den Göttern verehren sie am meisten Merkur, dem sie an

bestimmten Tagen auch Menschenopfer darbringen zu müssen glauben.

Herkules und Mars suchen sie durch erlaubte, das heißt Tieropfer, zu

gewinnen. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis; wie es zur

Einführung dieses fremden Kultes gekommen ist und woher er stammt,

habe ich nicht in Erfahrung bringen können; nur (soviel läßt sich

sagen), daß das Kultsymbol selbst, einer Barke nachgebildet, auf eine

Einführung des Kultes auf dem Seewege hinweist. Übrigens glauben die

Germanen, daß es mit der Hoheit des Himmlischen unvereinbar sei,

Götter in Wände einzuschließen und sie irgendwie menschlichem

Gesichtsausdruck anzunähern: sie weihen Lichtungen und Haine und

geben die Namen von Göttern jener weltentrückten Macht, die sie

allein in frommen Erschauern erleben.

X - Deutung göttlichen Willens

Vorzeichen und Losorakel beobachten sie wie kaum ein zweites Volk.

Das herkömmliche Verfahren ist recht einfach: Sie schneiden von einem

fruchttragenden Baum einen Reis ab, zerschneiden es in Stäbchen,

versehen diese mit bestimmten (runenartigen) Zeichen und streuen sie

planlos über ein weißes Tuch, wie sie ihnen gerade unter die Hand

kommen. Dann betet der Stammespriester, wenn eine Befragung von

Stammes wegen erfolgt, bei privater Befragung der Hausherr

persöhnlich, zu den Göttern und hebt - den Blick zum Himmel gewendet

- dreimal (hintereinander) eins auf und deutet die aufgehobenen

Stäbchen nach dem vorher eingeritzten Zeichen. Geben sie ablehnenden

Bescheid, dann wird an demselben Tage in derselben Angelegenheit

keine Befragung mehr vorgenommen; bei zustimmendem Bescheid wird die

zusätzliche Bestätigung durch Vorzeichen für erforderlich gehalten.

Sie kennen auch den (weitverbreiteten) Brauch, die Stimmen der Vögel

und ihren Flug zu befragen; eine besondere Eigenart des germanischen

Volkes ist es jedoch, auch Witterung und Weisung von Rossen prüfend

zu erforschen. Die Tiere werden auf Kosten des Stammes in den bereits

erwähnten Hainen und Lichtungen gehalten, weißglänzend und durch

keinerlei irdischen Dienst entweiht. Der Priester und der König oder

das staatliche Oberhaupt gehen neben den Rossen her, die an den

heiligen Wagen geschirrt sind, und beobachten ihr Wiehern und

Schnauben. Kein Vorzeichen gnießt größeres Vertrauen, nicht nur in

den breiten Schichten der Gemeinfreien: selbst bei den Vornehmen und

Priestern; diese halten sich nämlich für Diener der Götter, von den

Rossen meinen sie, sie wüßten um den Willen der Götter.

Es gibt bei ihnen auch noch eine andere Beobachtung von Vorzeichen,

mit der sie den Ausgang schwerer Kämpfe zu erforschen suchen. Sie

lassen einen auf irgendeine Weise aufgegriffenen Gefangenen des

Volkes, mit dem sie Krieg führen, mit einem ausgesuchten Streiter aus

ihren eigenen Reihen - jeden in den Waffen ihrer Heimat - kämpfen;

der Sieg des einen oder anderen wird als Vorentscheidung

angesehen.

XI - Thing

Über geringfügigere Anliegen beschließen die Gaufürsten allein,

über bedeutendere alle Gemeinfreien, jedoch in der Weise, daß auch

das, worüber das Volk zu entscheiden hat, im Rate der Fürsten

vorbehandelt wird. Man kommt, wenn nicht ein überraschendes,

dringendes Ereignis eintritt, an festliegenden Tagen, bei Neu- oder

Vollmond, zusammen; die Germanen meinen nämlich, dies sei die

verheißungsvollste Zeit, etwas zu beginnen. Sie berechnen (übrigens)

nicht wie wir die Zahl der Tage, sondern die der Nächte. Danach

setzen sie ihre Zusammenkünfte fest, danach verabreden sie sich: die

Nacht führt sozusagen den Tag herauf. Das ist eine Schattenseite

ihres Strebens nach persönlicher Freiheit, daß sie nicht auf einmal

und nicht wie auf Befehl zusammenkommen, sondern daß ein zweiter und

ein dritter Tag über dem zögernden Eintreffen der Thingteilnehmer

ungenützt verstreicht. Wie es der ungeordneten Menge gefällt, nimmt

man bewaffnet Platz. Ruhe wird durch die Priester geboten, die nun

auch das Recht haben, Strafen zu verhängen. Dann schenkt man - dem

Alter, dem Adel, dem Kriegsruhm und der Rednergabe jedes einzelnen

entsprechend - dem König oder einem der führenden Adligen Gehöhr,

mehr weil man ihrem Rat maßgebliche Bedeutung beimißt, als weil sie

die Macht hätten zu befehlen. Mißfällt (der Menge) die vorgetragene

Ansicht, dann lehnt man sie durch (allgemeines) Murren ab; gefällt

sie ihnen, dann schlagen sie die Framen aneinander; die ehrenvollste

Art der Zustimmung ist der mit den Waffen gezollte Beifall.

XII - Recht und Strafe

Vor dem Thing darf man auch Klage erheben und einen Prozeß auf

Leben und Tod anhängig machen. Aus dem Vergehen ergibt sich das

unterschiedliche Strafmaß: Verräter und Überläufer knüpfen sie an

(dürren) Bäumen auf, Feiglinge, Kampfscheue und der Unzucht

Überführte versenken sie im Morast eines Sumpfes, den sie mit Reisig

überdecken. Die verschiedene Abstufung der Todesstrafe geht auf die

Vorstellung zurück, daß man die Bestrafung gemeiner Verbrechen

gleichsam sichtbar vollziehen, ehrenrührige Handlungen mit Schweigen

zudecken müsse. Aber auch geringere Vergehen finden die entsprechende

Sühne: Die Schuldigen büßen ihr Vergehen mit einer bestimmten Anzahl

von Pferden oder Vieh. Ein Teil der Buße wird dem König oder dem

Stamm, ein Teil dem Geschädigten oder seiner Verwandtschaft

gezahlt.

In den gleichen Versammlungen wird auch die Wahl der Fürsten

vollzogen, die in den Dörfern ihrer Gaue Recht sprechen; jedem stehen

hundert Beisitzer aus dem Stande der Gemeinfreien zur Seite, die ihn

beraten und zugleich sein Urteil bekräftigen.

XIII - Waffennahme, Gefolgschaft

Es gibt überhaupt nichts im staatlichen oder persönlichen

Bereiche, was sie ohne Bewaffnung vollzögen. Aber die Sitte

verbietet, daß jemand Waffen anlegt, ehe die Gemeinde ihn für

waffenfähig erklärt. Dann schmücken eben auf einem solchen Thing

einer der Fürsten oder der eigene Vater oder den Verwandten den

jungen Mann mit Schild und Frame: das entspricht bei ihnen der

Anlegung der Toga (bei uns), das ist die erste Auszeichnung für die

jungen Männer; bis dahin gelten sie als Glied des väterlichen Hauses,

nunmehr als Glied des Staates.

Hochadel oder große Verdienste der Vorfahren sichern auch noch ganz

jungen Leuten die Wertschätzung eines Gefolgsherrn; sie werden dann

in die übrigen Gefolgsmannen eingereiht, die kräftiger sind und ihre

Fähigkeiten schon lange Zeit bewiesen haben, und es braucht sich

niemand zu schämen, wenn man ihn unter den Gefolgsleuten sieht. Es

gibt sogar Abstufungen innerhalb der Gefolgschaft selbst aufgrund der

Bewertung, die der Gefolgsherr vornimmt, und unter den Gefolgsleuten

herrscht großer Wettstreit, wer die erste Stelle bei seinem Herrn

einnimmt; die Gefolgsherrn wetteifern ihrerseits nicht weniger, wer

die meisten und tatkräftigsten Gefolgsleute hat. Das ist ihre Würde,

das ihre Kraft: immer von einem großen Kreise von auserlesenen

Jungmannen umgeben zu sein; im Frieden ist die Gefolgschaft das

Ehrengeleit, im Kriege dient sie als Leibwache. Und nicht allein im

eigenen Volke, sondern auch bei den Nachbarvölkern verschafft es

(jedem Gefolgsherrn) Namen und Ruhm, wenn er dank der Zahl und

Tüchtigkeit der Gefolgsleute einen besonderen Rang einnimmt; solche

Gefolgsherren werden nämlich von Gesandtschaften aufgesucht, erhalten

Ehrengaben und schlagen vielfach durch ihren bloßen Namen Kriege

nieder.

XIV - Gefolgsherr und Gefolgschaft, Kämpferische Haltung

Kommt es zum Kampf, dann ist es für den Gefolgsherrn eine Schmach,

sich an Tapferkeit übertreffen zu lassen, für die Gefolgschaft ist es

eine Schande, es dem Gefolgsherrn in Tapferkeit nicht gleichzutun.

Ganz ehrenrührig aber und ein Vorwurf für das ganze Leben ist es, den

Gefolgsherrn zu überleben und heil aus dem Kampfe heimzukehren; ihn

zu verteidigen und zu beschützen, auch die eigenen Heldentaten seinem

Ruhme zuzurechnen ist die wesentlichste Verpflichtung ihres

Treueschwurs: die Gefolgsherren kämpfen um den Sieg, die Gefolgsleute

für ihren Gefolgsherrn.

Wenn der Stamm, in dem sie aufgewachsen sind, in der Muße langer

Friedenszeiten zu erschlaffen droht, suchen nicht wenige vornehme

Jünglinge aus freien Stücken die Stämme auf, die zur Zeit irgendeinen

Krieg führen; denn Ruhe ist diesem Menschenschlage unwillkommen, und

leichter wird man in Gefahren berühmt, außerdem kann man eine große

Gefolgschaft nur durch Gewalttat und Krieg unterhalten. Die

Gefolgsleute fordern nämlich von der Freigebigkeit ihres Gefolgsherrn

jenes bekannte Streitroß, jene blutige siegbringende Frame; denn die

täglichen Mahlzeiten in ihrer schmucklosen, aber dabei keineswegs

kargen Aufmachung gelten als Sold. Die Mittel zu so reichen Gaben

werden in Kriegs- und Raubzügen erworben. Man kann die Germanen

weniger leicht zur Bodenbestellung oder dazu bestimmen, den

Herbstertrag abzuwarten, als den Feind zum Kampfe herauszufordern und

sich lohnende Wunden zu holen; ja, es gilt als überaus träge und

lässig, im Schweiße seines Angesichts etwas zu erwerben, was man mit

Blut erringen kann.

XV - Ehrengaben

Wenn sie (einmal) nicht in den Krieg ziehen, verbringen sie die

Zeit zum kleineren Teile mit Jagden, zum größeren mit erholsamen

Ausruhen. Dann schlafen und essen sie mit Hingabe, und es sind gerade

die tapfersten und kriegerischsten Naturen, die völlig ausspannen.

Die Sorge um Haus, Hof und Acker überläßt man den Frauen, alten

Männern überhaupt allen Schwachen auf dem Hofe; sie selbst leben in

einem merkwürdigen Zwiespalt ihres Wesens in stumpfen Nichtstun

dahin: es sind ja doch dieselben Menschen, die die Trägheit so lieben

und die Ruhe des Friedens so hassen.

Es ist in den Stämmen Sitte, daß jeder einzelne unaufgefordert den

Gefolgsherren Vieh oder Korn liefert; diese Ehrengabe, wie die

Empfänger die Spende auffassen, ermöglicht ihnen zugleich die

notwendigen Ausgaben. Vor allem freuen sie sich über Geschenke von

Nachbarstämmen, die sie nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch

von Stammes wegen erhalten: ausgesuchte Pferde, kostbare Waffen,

Brustschmuck und Halsketten; ja, wir haben sie sogar dahin gebracht,

Geld anzunehmen.

XVI - Siedlung, Bauten

Es ist allgemein bekannt, daß die Germanenstämme nicht in Städten

leben, ja überhaupt nichts von untereinander verbundenen Wohnsitzen

(geschlossener Siedlung) wissen wollen: sie siedeln in einzelnen,

voneinander weit abliegenden Gehöften, je nachdem wie ihnen ein

Quell, ein Feld oder ein Hain gefällt. Ihre Dörfer legen sie nicht in

unserer Art so an, daß die Häuser eng nebeneinanderstehen und eine

Straße bilden: jeder umgibt seinen Hof mit einem freien Raum;

vielleicht versprechen sie sich davon Hilfe für den Fall der

Feuersgefahr, vielleicht verstehen sie auch nicht zu bauen. Nicht

einmal Bruch- oder Backsteine sind bei ihnen in Gebrauch; sie

verwenden zu allem, ohne auf einen schönen oder gefälligen Anblick

Wert zu legen, roh behauenes Bauholz. Manche Stellen (an der

Außenfront ihrer Häuser) überstreichen sie freilich mit einer

gewissen Sorgfalt mit einer so weißglänzenden Erdmasse, daß sie den

Eindruck von Bemalung und farbiger Linienführung erweckt. Sie sind

auch gewohnt, unterirdische Höhlen auszuheben, über die sie eine

starke Dungschicht legen: das ist dann eine Zufluchtstätte für den

Winter und ein Getreidespeicher; denn solche Anlagen mildern die

starre Winterkälte, und wenn der Feind einmal ins Land eindringt,

dann verwüstet er das frei Daliegende, während er von dem Versteckten

und Vergrabenen entweder nichts weiß oder es gerade darum übersieht,

weil er es erst suchen muß.

XVII - Kleidung

Als Obergewand tragen alle Männer einen mantelartigen überwurf,

der mit einer Spange oder, wenn man keine hat, mit einem Dorn

zusammengehalten wird; ohne weitere Unterkleidung verbringen sie so

ganze Tage am Herdfeuer. Die Reichsten tragen davon abweichend

Unterkleidung; es ist das aber kein lose herabwallendes Gewand, wie

es die Sarmaten und Parther tragen, sondern ein straff anliegendes,

das die einzelnen Gliedmaßen deutlich hervortreten läßt. Die Germanen

tragen auch Tierfelle: die am Rhein- oder Donauufer wohnenden, ohne

auf die Auswahl besonderen Wert zu legen, die weiter im Inneren

ansässigen mit sorgsamer Wahl, da sie keinerlei Handelsbeziehungen

und darum sonst keine Möglichkeit haben, sich zu schmücken. Diese

Stämme suchen die Tiere sorgfältig aus und besetzen die abgeschorenen

Felle mit Pelzflecken von Tieren, die das Weltmeer in seinen höheren

Breiten und seinen unerforschten Teilen erzeugt.

Die Frauen kleiden sich nicht anders als die Männer, sie hüllen sich

nur öfters in leinene Umwurftücher, die sie durch rote Streifen

beleben, und lassen den oberen Teil des Untergewandes nicht in ärmel

auslaufen, sondern Unter- und Oberarm unbedeckt; aber auch der

anschließende Teil der Brust bleibt frei.

XVIII - Eheschliessung, Die Frau

Trotzdem hat man bei ihnen von der Ehe eine strenge Auffassung,

und es gibt keine Seite ihres sittlichen Lebens, die man mehr rühmen

könnte. Denn sie sind fast allein von allen fremden Völkern mit einer

einzigen Frau zufrieden; nur sehr wenige bilden eine Ausnahme, die

sich indessen nicht aus Sinnlichkeit, sondern wegen ihrer adligen

Stellung mehrfach mit Heiratsanträgen umwerben lassen.

Die Mitgift bringt nicht die Frau ihrem Mann, sondern der Mann seiner

Frau dar. Die Eltern und Verwandten (der Braut) sind bei der übergabe

zugegen und prüfen die Geschenke, Gaben, die nicht darauf berechnet

sind, eine Frau zu entzücken oder der Neuvermählten als Schmuck zu

dienen: es sind das vielmehr Rinder, ein gezäumtes Pferd und ein

Schild mit Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin willigt die

Frau in die Ehe ein und schenkt nun ihrerseits dem Gatten ein

Waffenstück: dieser Austausch von Gaben gilt als tiefste Bindung, als

ein Vorgang voll heiliger Geheimnisse, als göttliche Bestätigung der

geschlossenen Ehe. Die Frau soll nicht glauben, daß sie an Tapferkeit

nicht zu denken braucht und den wechselvollen Schicksalen eines

Krieges enthoben ist; darum wird sie gerade durch diese feierlichen

Weihen bei Beginn der Ehe darauf hingewiesen, daß sie in das Leben

ihres Mannes als Gefährtin in Mühen und Gefahren eintritt, gewillt,

das gleiche in Krieg und Frieden zu wagen und zu dulden: darauf weist

das Joch Ochsen, daruf das aufgezäumte Pferd, darauf die Waffengabe

hin. In diesem Sinne gelte es, sich in Leben und Tod zu bewähren; die

Gaben, die sie empfange, müsse sie unentweiht und in Ehren an ihre

Söhne weitergeben, und von denen müßten sie wieder an die Enkel

weitergegeben werden.

XIX - Keuschheit der Frau

So leben die Frauen in wohlbehüteter Keuschheit, ohne durch die

Verlockungen von Schauspielen oder die Reizungen von Gelagen

verdorben zu werden. Geheimen Briefwechsel kennen die Männer sowenig

wie die Frauen. So zahlreich die Menschen in diesem Volke sind, so

vereinzelt kommt es zu einem Ehebruch; die Strafe dafür wird

augenblicklich vollzogen und steht dem Gatten zu: entblößt, mit

abgeschnittenem Haar jagt sie der Mann im Beisein der Verwandten aus

dem Hause und treibt sie unter Peitschenhieben durch das ganze Dorf.

Für die Preisgabe der Frauenehre gibt es nämlich keine Verzeihung:

eine Ehebrecherin findet keinen Mann wieder, und wenn sie noch so

schön, so jung oder so reich wäre. Denn niemand belächelt dort

Laster, und verführen und sich verführen lassen gilt nicht als Geist

der Zeit. Besser noch steht es um die Stämme, bei denen überhaupt nur

die Jungfrauen heiraten und es mit der einmaligen Aussicht auf

Verehelichung sein Bewenden hat. So bekommen sie einen Gatten,

wie sie ja auch nur einen Körper und ein Leben

empfangen haben, damit kein Gedanke über den Tod hinaus in ihnen

aufkeimt, kein Verlangen diesen Zeitpunkt überdauere, damit sie

gleichsam nicht ihren Mann, sondern die Ehe (als den Weg zur

Mutterschaft) lieben.

Die Geburtenanzahl zu beschränken oder ein nachgeborenes Kind zu

töten gilt als Schande, und die gesunden sittlichen Anschauungen

wirken bei den Germanen stärker als anderswo gute Gesetze.

XX - Germanische Jugend, Germanisches Erbrecht

In allen Häusern wachsen sie dürftig gekleidet und wenig gepflegt

zu diesen Gliedmaßen, diesen Körpern heran, die wir bewundern. Die

eigene Mutter stillt sie alle; man überläßt die Kinder nicht Mägden

oder Ammen. Herrensohn und "Sklaven"-Kind kann man durch keinerlei

verzärtelte Erziehung voneinander unterscheiden: unter demselben

Vieh, auf demselben Erdboden verbringen sie ihre Kindheit, bis das

reifere Alter die Edlen schließlich aussondert, die Leistung sie als

solche erweist.

Spät erwacht in den jungen Männern die Liebe, und darum ist ihre

Zeugungskraft unverbraucht. Auch mit der Verheiratung der jungen

Mädchen hat man keine Eile; dieselbe jugendliche Kraft, der gleiche

schlanke Wuchs ist ihnen eigen: den Jünglingen ebenbürtig in ihrer

Unverbrauchtheit, gehen sie die Ehe ein, und in den Kindern lebt die

gesunde Kraft der Eltern weiter.

Die Söhne der Schwestern genießen bei ihrem Oheim mütterlicherseits

dieselbe Ehre wie bei ihrem Vater. Manche Stämme halten diese

Blutsverbindung für heiliger und enger und bevorzugen sie, wenn sie

sich Geiseln stellen lassen, da sie damit nach ihrer Meinung die

ehrliche Gesinnung (des einzelnen) sicherer, die Sippe in weiterem

Ausmaße sich verpflichten. Erben und Rechtsnachfolger sind trotzdem

jeweils nur die leiblichen Söhne, und eine letztwillige Verfügung

darüber kennt man nicht. Sind keine Kinder da, dann sind die

nächstberechtigten Erben die Brüder und die Oheime väterlicher- und

mütterlicherseits. Je größer die Zahl der Blutsverwandten, je größer

die der Verschwägerten ist, um so reicher an Freuden ist das Alter;

Kinderlosigkeit gilt in keiner Beziehung als vorteilhaft.

XXI - Germanisches Erbrecht, Gastlichkeit des germanischen Menschen

Man muß unter allen Umständen die Feindschaften wie die

Freundschaften des Vaters oder eines Blutsverwandten übernehmen. Die

Feindschaften dauern jedoch nicht unversöhnlich fort: selbst

Totschlag läßt sich nämlich mit einer bestimmten Anzahl von Groß- und

Kleinvieh sühnen, und die ganze Sippe nimmt die Genugtuung an. Das

ist vorteilhaft für den Stamm, weil bei der ausgeprägten

Freiheitsliebe (der Germanen) Fehden besonders gefährlich sind.

Es gibt kein Volk, das der Geselligkeit und Gastfreundschaft mit

solcher Hingabe huldigte wie die Germanen. Es gilt als Sünde, einem

Menschen ein Haus zu verschließen, wer es auch sei; jeder empfängt

ihn mit einem seinen wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechend

reich zubereiteten Mahle. Sind die Vorräte aufgezehrt, dann weist

der, der eben noch Gastgeber gewesen war, den Weg zu einem anderen

gastlichen Hause und geht selbst mit; uneingeladen betreten sie den

nächsten Hof. Und das hat nichts zu sagen: der Empfang ist nicht

weniger herzlich; im Gastrecht macht eben keiner einen Unterschied

zwischen Bekannten und Unbekannten. Es ist Brauch, daß man dem

scheidenden Gast auf Verlangen etwas übereignet, und umgekehrt

gefällt es (dem Gastgeber) nicht etwa schwerer, einen Wunsch

auszusprechen. Sie freuen sich über die Geschenke, aber sie rechnen

die Gaben (dem Empfänger) nicht nach und fühlen sich durch die

erhaltenen Geschenke nicht irgendwie verpflichtet. Zwischen Gastgeber

und Gast gibt es keinen Unterschied von mein und dein.

XXII - Tageslauf, Gelage

Gleich nach dem Schlafe, den sie oft genug bis in den Tag hinein

ausdehnen, waschen sie sich, öfter mit warmem Wasser, da bei ihnen

der Winter den größten Teil des Jahres ausfüllt. Nach dem Waschen

nehmen sie ihr Frühstück ein; jeder hat dabei einen besonderen Platz

und seinen eigenen Tisch. Dann begeben sie sich an ihre Geschäfte,

nicht weniger oft auch zu Gelagen, und zwar in Waffen. Tag und Nacht

einmal hintereinander beim Trunk zu verbringen wird keinem

übelgenommen. Wie es bei trunkenen Menschen üblich ist, kommt es

häufig zu Streitigkeiten, die selten mit gegenseitigen

Beschimpfungen, häufiger mit Totschlag und Verwundung enden. Aber man

berät andererseits auch über die (gegenseitige) Wiederversöhnung von

Feinden, die Anknüpfung verwandschaftlicher Beziehungen und die

Aufnahme in den Fürstenstand, ja schließlich über Krieg und Frieden

sehr of bei solchen Gelagen, da nach ihrer Meinung die Seele zu

keiner anderen Zeit ehrlichen Gedanken aufgeschlossener ist oder sich

für bedeutende eher erwärmt. Dies Volk, das weder verschlagen noch

durchtrieben ist, erschließt eben noch seine geheimsten Gefühle in

ausgelassener Heiterkeit; so tritt die Gesinnung bei allen unverhüllt

und offen ans Licht. Tags darauf nimmt man die Angelegenheit noch

einmal hervor, und beide Zeiten kommen zu ihrem Recht: sie überlegen

zu einer Zeit, da sie sich nicht verstellen können, sie beschließen,

wenn ein Irrtum unmöglich ist.

XXIII - Speisen und Getränke

Als Getränk dient ihnen ein Saft, der unter Verwendung von Gerste

und Weizen bereitet und ähnlich wie Wein vergoren ist; die Anwohner

des Rhein- und Donauufers kaufen sich auch richtigen Wein. Die

Speisen sind einfach: wildwachsendes Obst, frisch erlegtes Wildbret

oder geronnene Milch; sie stillen den Hunger, ohne die Speisen

besonders zuzubereiten oder zu würzen. Gegen den Durst zeigen sie

nicht die gleiche Beherrschtheit. Wenn man ihrer Trinklust dadurch

Vorschub leistet, daß man ihnen so viel zuführt, wie sie trinken

wollen, wird man sie ebensoleicht durch ihre eigenen Laster wie durch

Waffengewalt bezwingen können.

XXIV - Schauspiele, Würfelspiel

Es gibt nur eine einzige Art von Schaustellungen bei ihnen, die

bei jeder festlichen Zusammenkunft in derselben Weise verläuft: Nur

wenig bekleidete Jünglinge, für die das ein sportliches Vergnügen

ist, werfen sich in tanzartigen Sprüngen zwischen gezückte Schwerter

und drohend erhobene Framen. Die lange übung (in diesem Spiel) hat zu

einer gewissen Gewandtheit geführt, die Gewandheit zur Anmut;

trotzdem gehen sie dabei nicht auf Erwerb oder klingenden Lohn aus:

das Vergnügen der Zuschauer ist Lohn für ihre spielerische Freude, so

tollkühn sie ist.

Das Würfelspiel pflegen sie erstaunlicherweise in voller Nüchternheit

wie ein ernsthaftes Geschäft, und zwar in so unbeschwertem Leichtsinn

im Gewinnen oder Verlieren, daß sie in einem allerletzten Wurf um

ihre persönliche Freiheit und ihr Leben kämpfen, wenn sie alles

verloren haben. Der Unterlegene begibt sich freiwillig in

Knechtschaft; er läßt sich binden und verkaufen. Das ist

Hartnäckigkeit in einer verwerflichen Sache; sie selbst nennen es

"Treue". Auf diese Art Versklavte verkaufen sie weiter, um auch für

ihre eigene Person die Schmach eines solchen Sieges loszuwerden.

XXV - Behandlung der Sklaven, soziale Verhältnisse

Die übrigen Sklaven setzen sie nicht so ein, wie es bei uns Sitte

ist, wo die Dienstleistungen unter das Gesinde genau aufgeteilt sind:

jeder Sklave steht einem eigenen Anwesen, einem eigenen Hof vor. Sein

Herr erlegt ihm lediglich eine bestimmte Menge Brotgetreide, Vieh

oder Zeug (von Wolle oder Leinen) auf wie einem Kleinpächter, und nur

insofern besteht eine Verpflichtung für den Sklaven; die übrigen

hauswirtschaftlichen Dienste versehen Frau und Kinder (des

Grundherrn). Selten wird ein Sklave geschlagen und durch Zwangsarbeit

in Ketten bestraft; eher schon schlagen sie einen nieder, nicht in

Wahrung strenger Zucht, sondern im Jähzorn, wie man einen

persönlichen Feind erschlägt, nur daß es (für die Tötung eines

Sklaven) keine Strafverfolgung gibt. Die Freigelassenen stehen im

Range nicht viel über den Sklaven; selten kommt ihnen im Hause,

niemals im Stamme irgendeine entscheidende Bedeutung zu, mit Ausnahme

der Stämme, an deren Spitze ein König steht. Dort steigen sie nämlich

über Freigeborene und selbst über Adlige empor; bei den übrigen ist

die untergeordnete Stellung der Freigelassenen ein Beweis dafür, daß

dort wirklich Freiheit herrscht.

XXVI - Landwirtschaft

Daß man Kapital ausleihen und durch Zinsen anwachsen lassen kann,

ist den Germanen unbekannt, und dadurch sind die erfreulichen

Verhältnisse besser gewahrt, als wenn ein Verbot bestände.

Das ackerbaufähige Land wird in einem der Zahl der Bebauer

entsprechenden Umfang von der gesamten Dorfgemeinde zu wechselnder

Bebauung in Besitz genommen, dann teilen sie es untereinander nach

Rang und Würde auf; die weite Ausdehnung des verfügbaren Ackerlandes

sichert eine leichte Teilung. Sie wechseln jährlich die Saatfelder,

und es ist immer noch Ackerland übrig. Denn sie ringen nicht in

mühevoller Arbeit um die Fruchtbarkeit und den Umfang ihrer

Ländereien, so daß sie etwa Obstgärten anlegten, Wiesenflächen

abgrenzten und Gemüsegärten künstlich bewässerten: sie verlangen vom

Boden nur, daß er die Getreidesaat aufgehen läßt. Darum teilen sie

auch das Jahr selbst nicht in so viele Abschnitte ein: vom Winter,

Frühling und Sommer haben sie eine Vorstellung und kennen die

Bezeichnungen; der Begriff des Herbstes ist ihnen ebensowenig

vertraut, wie seine Gaben.

XXVII - Bestattungssitten

Es gibt bei ihnen kein Prunken in der Ausgestaltung der

Leichenbegängnisse: nur darauf wird gesehen, daß die Leichen brühmter

Männer unter Verwendung bestimmter Holzsorten verbrannt werden. Den

hochgeschichteten Bau des Scheiterhaufens überladen sie weder mit

Teppichen noch mit Räucherwerk: jeder bekommt seine Waffen mit,

manche werden auch mit ihrem Lieblingspferd verbrannt.

Nur ein Rasenhügel wölbt sich über dem Grabe: die Ehrung durch

hochragende und kunstvoll gearbeitete Steindenkmäler lehnen sie als

eine Last für die Abgeschiedenen ab. Mit Klagen und Weinen hören sie

bald auf, den Schmerz und die Traurigkeit verwinden sie nur langsam.

Den Frauen steht die Trauer wohl an, den Männern treues

Gedenken.

Das sind die allgemeinen Nachrichten über den Ursprung und die Sitten

des gesamten Germanenvolkes, die ich bekommen konnte; jetzt will ich

darlegen, wie sich die einzelnen Stämme in ihren (staatlichen)

Einrichtungen und ihren Gebräuchen voneinander unterscheiden, und

angeben, welche Stämme aus Germanien in die gallischen Provinzen

eingewandert sind.

XXVIII - Gallier und Germanen, linksrheinische Germanen

In alter Zeit, so berichtet unser bedeutendster

Geschichtsschreiber, der göttliche G. Julius Cäsar, seien die Gallier

an Macht überlegen gewesen; deshalb ist es durchaus glaubhaft, daß

auch Gallier auf germanisches Gebiet übergetreten sind. Denn wie

wenig konnte es ein Fluß (wie der Rhein) verhindern, daß ein Stamm

jeweils seinen Wohnsitz wechselte und Neuland in Besitz nahm, wenn er

stark genug geworden war; war doch das Land noch nicht in festen

Händen und nicht durch die Bildung mächtiger Königsherrschaften

aufgeteilt! So haben die Gebiete zwischen dem Herzynischen Walde und

den Flüssen Rhein und Main die Helvetier, das Land weiter östlich die

Bojer - beides gallische Stämme! - im Besitz gehabt. Noch heute ist

der Name Boihämum erhalten und bezeugt die Vorgeschichte dieses

Landstriches, wenn auch die Siedler gewechselt haben. Ob freilich die

Aravisker nach Pannonien aus dem Gebiete der Oser, eines unter

Germanen wohnenden Stammes, eingewandert sind oder die Oser nach

Germanien unter Loslösung von den Araviskern, das weiß man nicht;

noch heute gleichen sie einander in Sprache, Einrichtungen und

Gebräuchen. Schließlich lebten beide Stämme in früherer Zeit in der

gleichen Dürftigkeit und Ungebundenheit, und die Vor- und Nachteile

waren auf beiden Donauufern die gleichen.

Die Treverer und Nervier vertreten den Anspruch, germanischen

Ursprungs zu sein, sogar mit besonderem Ehrgeiz, in der Meinung, sie

könnten sich durch solchen Adel des Blutes von der Ähnlichkeit mit

den schlaffen Galliern lossagen. Das Rheinufer selbst bewohnen

unzweifelhaft germanische Stämme: die Vangonier, Triboker und

Nemeter. Auch die Ubier schämen sich ihrer germanischen Abstammung

nicht, obwohl sie sich doch die Ehre, eine römische Kolonie zu sein,

verdient haben und sich lieber nach ihrer Stadtgründerin (Agrippina)

Agrippinenser nennen hören; sie sind einst über den Rhein gegangen

und unter Erpobung ihrer Treue unmittelbar am linksrheinischen Ufer

angesiedelt worden: sie sollten dort die Grenzwacht bilden, nicht

etwa selbst unter Bewachung gehalten werden.

XXIX - Bataver, Mattiaker, Zehntland

Alle diese Stämme überragen an Tapferkeit die Bataver, die vom

linken Rheinufer nur einen kleinen Strich, dafür aber eine durch die

beiden Rheinarme und die Nordseee gebildete Insel bewohnen.

Ursprünglich waren sie ein Teil des Chattenvolkes und sind wegen

innerer Zerwürfnisse in ihre späteren Wohnsitze ausgewandert, wo es

ihnen beschieden war, ein ebenbürtiges Glied des römischen Reiches zu

werden. Sie haben sich ihre Sonderstellung und die sichtbare

Anerkennung ihrer langjährigen Waffenbrüderschaft mit Rom bewahrt;

denn man entwürdigt sie nicht durch Tribute, und kein Steuerpächter

saugt sie aus: befreit von Steuern und Sonderabgaben und nur zur

Verwendung für Kämpfe bereitgestellt, werden sie wie Trutz- und

Schutzwaffen Roms für dessen Kriege aufgespart.

Im gleichen Abhängigkeitsverhältnis steht auch der Stamm der

Mattiaker; denn die (militärische Kraft und) Größe des römischen

Volkes hat die Anerkennung seiner Herrschaft auch über den Rhein und

damit über die alten Reichsgrenzen hinübergetragen. So leben sie dem

Wohnsitz und Gebiete nach auf dem germanischen Rheinufer, halten aber

ihrer Gesinnung und Einstellung nach zu uns; im übrigen ähneln sie

den Batavern, nur haben sie, allein schon infolge der

Bodenbeschaffenheit und des Klimas ihres Landes, einen feurigeren

Sinn.

Nicht unter die Völker Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die

das Zehn(t)land bearbeiten, obwohl sie sich jenseits von Rhein und

Donau niedergelassen haben: die abenteuerlustigen Gallier, die die

Not kühn gemacht hat, haben den Boden, dessen Besitz umstritten war,

besetzt; seitdem dann der Grenzwall angelegt und die Grenzwachen

weiter nach vorn verlegt worden sind, bilden sie einen vorgeschobenen

Posten unseres Reiches und einen Teil der Provinz.

XXX - Chatten, Vorzüge des Chattenstammes

Weiter nordostwärts ("jenseits von diesen") wohnen die Chatten.

Ihre Wohnsitze beginnen mit dem Herzynischen Walde, ihr Gebiet ist

nicht so flach und sumpfig wie das der anderen Stämme, denen

Germanien einen so weiten Raum zur Verfügung stellt: die Hügel bilden

nämlich eine ganze Kette und werden nur allmählich seltener, und das

Herzynische Gebirge gibt seinen Chatten zugleich das Geleit und setzt

sie ab (verliert sich mit ihnen in der Ebene). Die Chatten haben

kräftigere Körper (als andere Stämme) und sehnigere Gliedmaßen, einen

drohenden Blick und eine ungewöhnliche geistige Regsamkeit. Für

Germanen zeigen sie große Umsicht und viel Geschick: sie wissen sich

unter auserlesene Männer zu stellen, gehorchen den Vorgesetzten,

kennen regelrechte Heeresverbände, verstehen günstige Gelegenheiten

wahrzunehmen, den Angriff auch einmal aufzuschieben, sich die

Tagesarbeit zweckmäßig einzuteilen und sich während der Nacht durch

Einschanzen zu sichern. Glückliche Zufälle sehen sie als unsicheres

Geschenk, die Tapferkeit als sichere Garantie (des Sieges) an, und -

was man nur sehr selten findet und was eigentlich ein Vorrecht

römischer Manneszucht ist - sie verlegen das Schwergewicht auf die

Führung statt auf das Heer. Alle Kraft liegt beim Fußvolk, dem sie

außer den Waffen auch Schanzzeug und Proviant aufbürden: andere kann

man in den Kampf ziehen sehen, die Chatten in den Krieg. Selten

unternehmen sie plötzliche Vorstöße und Kämpfe auf gut Glück.

Tatsächlich ist es ja auch eine besondere Eigenart von

Reiterverbänden, rasch den Sieg zu erringen, rasch zurückzuweichen;

(im allgemeinen aber) grenzt Schnelligkeit an Angst, während

bedachtsame Zurückhaltung zäher Festigkeit nähersteht.

XXXI - Die chattischen Berserker

Was sich auch bei anderen germanischen Stämmen als Brauch findet,

aber selten ist und dann dem verwegenen Entschluß des einzelnen

überlassen bleibt, hat sich bei den Chatten allgemein durchgesetzt:

sobald sie herangewachsen sind, lassen sie Haupt- und Barthaar

wachsen und entledigen sich erst nach Tötung eines Feindes der

Haartracht, die ein Gelöbnis der Tapferkeit und ihr gleichsam zum

Pfand gegeben ist. über dem Blute und der Beute (des gefallenen

Gegners) legen sie die Stirn frei und erklären, jetzt hätten sie erst

den schuldigen Preis für ihre Geburt bezahlt und wären ihrer Heimat

und ihrer Väter würdig; Feiglinge und unkriegerische Naturen behalten

das struppige Aussehen. Die Tapfersten tragen überdies einen

Eisenring wie eine Fessel - das gilt sonst bei diesem Stamm als

Schmach -, bis sie sich durch Tötung eines Feindes (gleichsam) frei

machen. Sehr viele Chatten gefällt diese Tracht, und sie sind

manchmal schon grau geworden unter diesem Schmuck, für Freund und

Feind zugleich durch ihn gekennzeichnet. In allen Kampfhandlungen

liegt der erste Anstoß bei ihnen, sie bilden immer die vorderste

Linie und bieten einen schrecklichen Anblick; denn auch im Frieden

mildern sie ihr Aussehen nicht durch eine gesittetere Lebensform.

Keiner dieser Kämpfer hat Hof, Acker oder sonst etwas, dem seine

Sorge gilt: sie werden von jedem, zu dem sie gerade kommen, nach

Möglichkeit verpflegt - Verschwender fremder Habe, Verächter des

Eigenbesitzes -, bis die Entkräftung des Alters sie zu so hartem

Heldenleben unfähig macht.

XXXII - Usiper, Tenkterer

In unmittelbarer Nähe der Chatten wohnen am Rhein, der nunmehr in

sicherem Bette fließt und somit eine genügend sichere Grenze abgibt,

die Usiper und Tenkterer. Über die gewöhnliche kriegerische

Tüchtigkeit hinaus zeichnen sich die Tenkterer durch eine besondere

Geschicklichkeit in der Reitkunst aus, und das Fußvolk ist bei den

Chatten nicht berühmter als bei den Tenkterern die Reiter. So haben

es die Vorfahren eingeführt, die Enkel ahmen es nach; dem Reiten gilt

das Spiel der Kinder, dem Reiten der Ehrgeiz der jungen Männer, und

selbst die Alten bleiben noch in der Übung. Neben Sklaven, Haus und

Hof und vererbbaren Rechten werden die Pferde vererbt: ein Sohn

empfängt sie - nicht, wie das übrige, der älteste, sondern ein

anderer -, je nachdem wie er sich im Kriege duch ungestümen Heldenmut

ausgezeichnet hat.

XXXIII - Brukterer

Neben den Tenkterern traf man einst auf die Brukterer; jetzt

sollen die Chamaven und Angrivarier in ihr Gebiet eingewandert sein,

nachdem die Brukterer vertrieben und durch ein gemeinsames Vorgehen

der Nachbarstämme vollkommen ausgerottet worden sind. Vielleicht

haßte man sie wegen ihres Hochmutes, oder die Beute lockte, oder die

Götter waren uns irgendwie gewogen; denn sie haben uns nicht einmal

das Schauspiel dieses Bruderkampfes vorenthalten. Mehr als

sechzigtausend Germanen fielen nicht der gesammelten Kampfkraft der

Römer zum Opfer, sondern - was noch großartiger ist - uns zur

Augenweide. Möchte doch - so kann man nur wünschen - den fremden

Völkern, wenn sie uns schon nicht lieben können, wenigstens der Haß

untereinander auf die Dauer erhalten bleiben, da uns in diesen für

das Reich schicksalsschweren Zeiten kein größeres Glück beschieden

sein kann als die Zwietracht unserer Feinde.

XXXIV - Friesen

An die Angrivarier und Chamaven schließen sich im Osten die

Dulgubnier und Chasuarier und andere Stämme an, die weniger bekannt

sind; unmittelbar im Norden grenzen die Friesen an. Die großen und

kleinen Friesen heißen so nach ihrem Kräfteverhältnis; beide Stämme

zusammen werden bis zum Ozean hin vom Rhein umsäumt und umschließen

(mit ihrem Wohngebiet) außerdem noch unermeßlich große Seen, die auch

von römischen Flotten befahren worden sind. Ja, wir haben uns dort

sogar auf das Weltmeer hinausgewagt, und ein weitverbreitetes Gerücht

besagt, daß Säulen des Herkules noch vorhanden sind, mag nun Herkules

selbst dort hingekommen sein oder es bei uns zur Übereinkunft

geworden sein, alles Großartige irgendwo auf der Welt auf diesen

berühmten Helden zurückzuführen. An Wagemut hat es dem Drusus

Germanicus (bei seinem Versuch, das Weltmeer zu befahren,) wahrlich

nicht gefehlt, aber der Ozean hat sich dagegen verwahrt, daß man ihm

und Herkules zugleich nachspürte. Dann hat niemand mehr den Versuch

unternommen, und man hat es für frömmer und ehrfurchtsvoller

gehalten, an die Taten der Götter zu glauben, als von ihnen zu

wissen.

XXXV - Nordgermanen

Soweit ist uns nun der westliche Teil Germaniens bekannt geworden;

im Norden kehrt es erst nach einer gewaltigen Ausbuchtung wieder (zum

Festland) zurück. Gleich an erster Stelle ist der Stamm der Chauken

zu erwähnen. Obwohl er unmittelbar an die Friesen angrenzt und einen

Teil der Küste einnimmt, ist er in der Flanke allen besprochenen

Stämmen vorgelagert, bis er schließlich in einer Ausbuchtung bis in

das Gebiet der Chatten reicht. Diesen ungeheuren Flächenraum haben

die Chauken nicht nur im Besitz, sondern füllen ihn auch aus, der

angesehenste Germanenstamm, der es vorzieht, sich seine Größe durch

Gerechtigkeit zu erhalten. Frei von Habgier und Herrschsucht, leben

sie in stiller Abgeschiedenheit, beschwören keinerlei Kriege herauf

und verwüsten (fremdes Gebiet) nicht durch Raubzüge und überfälle.

Das ist der vornehmste Beweis ihrer Kraft und Stärke, daß sie ihre

Überlegenheit nicht Gewalttaten verdanken; trotzdem haben alle ihre

Waffen griffbereit liegen, und wenn die Lage es erfordert, steht ein

gewaltiges Heeresaufgebot von Kriegern und Pferden bereit; und ihr

Ruf ist nicht weniger geachtet, wenn sie Frieden halten.

XXXVI - Cherusker und Foser

Die Cherusker, die ostwärts neben den Chauken und Chatten wohnen,

haben - von niemandem zum Kampfe herausgefordert - allzulange in

erschlaffendem Frieden dahingelebt; das hatte mehr Annehmlichkeiten

als Sicherheit zur Folge, weil man, von unbeherrschten und starken

Nachbarn umringt, sich nur einer trügerischen Ruhe hingibt: wo das

Faustrecht gilt, sind Selbstbeherrschung und Redlichkeit Privileg des

Überlegenen. So heißen die einst als trefflich und rechtschaffend

gerühmten Cherusker jetzt Toren, die sich nicht zu helfen wissen; den

siegreichen Chatten hat man ihr Waffenglück als höhere Weisheit

ausgelegt. In den Zusammenbruch der Cherusker sind ihre Nachbarn, die

Foser, mit hineingezogen worden; als Leidensgenossen sind sie jenen

gleichgestellt, während sie in glücklicheren Tagen nur eine

untergeordnete Rolle gespielt hatten.

XXXVII - Bedeutung der Kimbern, Rom und Germanen

Dieselbe (halbinselartige) Ausbuchtung Germaniens bewohnen

unmittelbar an der Küste des Ozeans die Kimbern: jetzt ein

unbedeutender Stamm, aber ungewöhnlich berühmt (durch seine

Geschichte). Die Spuren jener frühen Größe sind weithin noch

erhalten; an beiden Ufern des Rheins liegen die weiträumigen

Lagerplätze, an deren Umfang man heute noch die gewaltigen

Menschenmassen und die Arbeitskraft dieses Stammes sowie die

Glaubwürdigkeit (der Berichte) über eine so gewaltige Auswanderung

ermessen kann. Sechshundertvierzig Jahre stand Rom, als man unter dem

Konsulat des Cäcilius Metellus und Papirius Carbo zum ersten Male von

den Waffentaten der Kimbern hörte. Wenn man von diesem Zeitpunkt bis

zum zweiten Konsulat des Kaisers Trajan rechnet, dann ergeben sich

etwa zweihundertzehn Jahre: so lange schon siegen wir über

Germanien.

Im Verlaufe dieser langen Zeit hat es auf beiden Seiten viele

Verluste gegeben. Aber weder die Samniter noch die Punier, weder die

spanischen noch die gallischen Provinzen, ja nicht einmal die Parther

haben sich uns häufiger in Erinnerung gebracht; denn tatkräftiger als

die unumschränkte Herrschergewalt des Arsakes ist der Freiheitswille

der Germanen. Denn was kann uns der Orient, dessen Niederwerfung

selbst einem Manne wie Ventidius gelang - wobei der Osten doch auch

den Pakoros verlor! -, anderes vorhalten als den Tod des

Crassus?

Aber die Germanen haben Carbo, Cassius, Scaurus, Aurelius, Servilius

Caepio und Maximilius Mallius geschlagen oder gefangengenommen und

dem römischen Volke im Verlaufe eines Krieges fünf

konsularische Heere, dem Augustus selbst sogar Varus und mit ihm drei

Legionen entrissen; und nicht ungestraft hat sie G. Marius in

Italien, der göttliche Julius in Gallien, Drusus, Nero und Germanicus

in ihren eigenen Wohnsitzen niedergeworfen. Später wurden die

ungeheuren Drohungen des Gajus Caligula zum Gespött. Seitdem ruhten

die Waffen, bis die Germanen die Gelegenheit unserer inneren

Zerissenheit und des Bürgerkrieges wahrnahmen, die Winterlager der

Legionen eroberten und auch nach den römischen Provinzen in Gallien

die Hände ausstreckten; man hat sie zwar dann wieder von dort

zurückgedrängt, aber noch in jüngster Zeit mehr Triumphe über sie

gefeiert als sie wirklich besiegt.

XXXVIII - Sueben, Haartracht der Sueben

Jetzt wäre von den Sueben zu sprechen, die nicht einen

einheitlichen Stamm bilden wie die Chatten oder die Tenkterer; sie

haben nämlich einen ziemlich großen Teil Germaniens inne, in dem noch

heite selbstständige Einzelstämme mit verschiedenen Namen wohnen,

obwohl man sie insgesamt Sueben nennt. Es ist ein besonderes

Kennzeichen des Stammes, das Haar schräg nach hinten zu kämmen und in

einem Knoten hochzubinden: darin unterscheiden sich die Sueben von

den übrigen Germanen, darin die freien Sueben von den Sklaven. Was

man auch bei den anderen Stämmen findet - vielleicht auf Grund von

verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Sueben oder (was ziemlich

häufig vorkommt) infolge Nachahmung -, aber nur selten und dann nur

in jugendlichem Alter, das beobachtet man bei den Sueben bis sie grau

werden: Sie kämmen das widerspenstige Haar nach hinten und binden es

oft genau auf dem Scheitel in einem Knoten hoch; die Führer haben

eine noch kunstvollere Haartracht. Das ist zwar eine (gewisse)

Eitelkeit, aber eine unschuldige; denn nicht um zu lieben oder

geliebt zu werden, handeln sie so: sie wappnen sich mit diesem

Schmuck ja für die Augen ihrer Feinde, um irgendwie größer und

schrecklicher auszusehen, wenn sie in den Kampf ziehen.

XXXIX - Der Semnonenhain

Als die ältesten und edelsten aller Sueben bezeichnen sich die

Semnonen; ihr hohes Alter wird durch einen religiösen Brauch sicher

beglaubigt. Zu bestimmter Zeit treffen sie sich in einem Hain, der

durch Weihen der Väter und uralte fromme Scheu geheiligt ist: alle

Teilstämme aus gleichem Blute schicken Abordnungen, und dann feiern

sie nach der Opferung eines Menschen von Staats wegen die schaurigen

Weihen ihres rohen Kultes. Man erweist dem Hain seine Ehrfurcht auch

noch in anderer Weise: Nur in Fesseln darf man ihn betreten,

gleichsam als ein Untergebener, der die Macht der Gottheit so

sichtlich bekun et. Strauchelt man durch irgendeinen Zufall, dann

darf man sich nicht aufheben lassen und aufstehen: auf dem Erdboden

wälzt man sich (aus dem Hain) hinaus. Dieser ganze Aberglaube geht

auf die Vorstellung zurück, daß von diesem Hain das Volk seinen

Ausgang genommen habe, daß dort der Gott wohne, der über alles

herrsche, und daß alles sonst ihm unterworfen und zu Gehorsam

verpflichtet sei. Das Ansehen der Semnonen wird durch ihre machtvolle

Stellung noch gesteigert: in hundert Gauen wohnen sie, und die große

einheitliche Masse trägt entscheidend dazu bei, daß sie sich für den

Hauptstamm der Sueben halten.

XL - Der Nerthuskult

Im Gegensatz dazu adelt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von

vielen sehr starken Stämmen rings umgeben, sind sie nicht durch

Unterwerfung, sondern durch Kampf und Wagemut gesichert. Dann folgen

die Reudigner, Avionen, Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und

Nuithonen, die durch Flüsse oder Wälder geschützt sind. Bei den

einzelnen Stämmen ist nichts Besonderes zu vermerken, abgesehen

davon, daß sie gemeinsam die Nerthus - das ist die Mutter Erde -

verehren und glauben, sie nehme an dem Leben der Menschen teil und

komme zu den Stämmen gefahren.

Auf einer Insel im Ozean steht ein heiliger Hain, und in ihm befindet

sich, mit einem Tuche zugedeckt, ein geweihter Wagen; nur der

Priester darf ihn berühren. Er merkt es, wenn sich die Göttin in dem

Heiligtum eingefunden hat, und geleitet sie unter vielen

Ehrenbezeugungen, wenn sie - von Kühen gezogen - (durch das Land

fährt). Dann gibt es Freudentage, und festlich geschmückt sind alle

Stätten, die die Göttin ihres Besuches und ihres Aufenthaltes

würdigt. Man zieht dann nicht in den Krieg, ergreift die Waffen

nicht, sicher verwahrt liegt alles Eisen. Frieden und Ruhe kennt und

liebt man freilich nur so lange, bis derselbe Priester die Göttin,

die des Umgangs mit den Sterblichen müde geworden ist, ihrem heiligen

Bezirk wieder zurückgibt. Dann werden Wagen und Decke und, wenn man

dem Glauben schenken will, die Gottheit selbst in einem versteckt

gelegenen See abgewaschen. Hilfsdienste leisten dabei Sklaven, die

alsbald derselbe See verschlingt. Ein geheimer Schauder umgibt daher

den Brauch und eine heilige Scheu, zu erkunden, was das wohl sein

mag, was nur Todgeweihte zu Gesicht bekommen.

XLI - Hermunduren

Dieser Teil des suebischen Gebietes zieht sich weit bis in die

entlegeneren Gegenden Germaniens hinein. Uns näher wohnt, um, wie

eben dem Lauf des Rheins, so jetzt dem der Donau zu folgen, der Stamm

der Hermunduren, der den Römern treu ergeben ist. Deshalb gewähren

wir ihnen als einzigen Germanen Handelsrecht nicht nur am (rechten)

Donauufer, sondern auch tief im Innern des Landes und sogar in der

blühenden Hauptstadt der rätischen Provinz. Überall dürfen sie ohne

Wachen über die Grenze, und während wir den übrigen Stämmen nur

unsere Waffen und Lager zeigen, haben wir ihnen, ohne daß sie es

gewünscht hätten, unsere Häuser und Gutshöfe geöffnet. Im Gebiet der

Hermunduren entspringt die Elbe, einst ein hochberühmter und

wohlbekannter Fluß; jetzt kennt man ihn nur vom Hörensagen.

XLII - Markomannen

Neben den Hermunduren leben (donauabwärts) die Narister und

anschließend (weiter östlich) die Markomannen und Quaden. Die

Markomannen haben einen besonderen Ruf und eine überragende

Machtstellung, und auch ihr Siedlungsgebiet selbst, aus dem sie einst

die Bojer vertrieben, verdanken sie ihrer Tapferkeit. Auch die

Narister und Quaden sind nicht aus der Art geschlagen. Das ist

gleichsam die Stirnseite Germaniens, soweit sie durch die Donau

gebildet wird. Bei Markomannen und Quaden hat es bis an die Schwelle

unserer Zeit Könige aus dem eigenen Volke gegeben: das berühmte

Geschlecht des Marbod und Tuder. Jetzt lassen sie sich auch fremde

Könige gefallen, aber Amt und Macht verdanken diese der Bestätigung

Roms. Selten unterstützen wir sie mit unseren Waffen, häufiger mit

Geld, und sie sind darum nicht weniger stark.

XLIII - Marsigner, Lugier, Nahanarvalen, Harier

Nach rückwärts schließen sich an die Markomannen und Quaden im

Norden und Osten die Marsigner, Kotiner, Oser und Burer an. Von ihnen

erweisen sich die Marsigner und Burer nach Sprache und Lebensweise

als Sueben; bei den Kotinern beweist die gallische, bei den Osern die

pannonische Sprache, daß sie keine Germanen sind, außerdem die

Tatsache, daß sie sich Tribute gefallen lassen. Einen Teil der

Abgaben erlegen ihnen als Fremden die Sarmaten, einen Teil die Quaden

auf; die Kotiner sollten sich um so mehr schämen, als sie sogar

selbst Eisen graben!

Alle diese Stämme haben nur wenig ebenes Gelände, sonst vorwiegend

bewaldete Höhen und Berggipfel in Besitzt genommen. Das suebische

Land wird nämlich durch einen fortlaufenden Höhenzug getrennt und

durchschnitten; jenseits dieses Höhenzuges wohnt noch eine ganze Zahl

von Stämmen, unter denen der Name des Lugierstammes, der selbst

wieder in mehrere Einzelstämme zerfällt, den weitesten

Geltungsbereich hat. Es wird genügen, die mächtigsten Stämme zu

nennen: die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und

Nahanarvalen.

Bei den Nahanarvalen zeigt man noch einen seit alter Zeit verehrten

Hain. Ihn betreut ein Priester in weiblicher Tracht, aber die

Gottheiten deutet man nach römischer Art als Kastor und Pollux. Das

entspricht dem Wesen der Gottheit, ihr Name ist "Alci(s)". Bilder von

ihnen gibt es nicht, es ist auch keine Spur dafür zu entdecken, daß

der Glaube fremden Ursprungs ist; jedenfalls verehrt man sie wie

Brüder, wie Jünglinge.

Übrigens steigern die an sich schon schrecklichen Harier über die

Kräfte hinaus, durch die sie die eben erwähnten Völker überragen,

ihre angeborene Wildheit noch durch geschickt angewendete äußere

Mittel und die Wahl der Angriffszeit: ihre Schilde sind schwarz, ihre

Leiber bemalt; finstere Nächte wählen sie zum Kampf, und schon durch

den grauenvollen und düsteren Anblick eines "Gespensterzuges"

verbreiten sie Schrecken, kein Feind hält den überraschenden, beinahe

höllischen Anblick aus; denn in allen Kämpfen erliegen zuerst die

Augen.

XLIV - Goten, Suionen

Jenseits (nördlich) von den Lugiern sitzen die Goten, von einem

König beherrscht. Sie stehen schon unter etwas strafferer Führung als

die übrigen Germanenstämme, haben aber ihre Freiheit immerhin noch

nicht ganz eingebüßt. Ihnen folgen dann unmittelbar an der Ostsee die

Rugier und Lemovier; Kennzeichen aller dieser Stämme sind runde

Schilde, kurze Schwerter und Gehorsam gegen ihre Könige.

Hier schließen sich - auf einer Insel in der Ostsee für sich lebend -

die Stämme der Suionen an, deren Stärke außer auf ihren Kämpfern und

Waffen auf ihrer Flotte beruht. Der Bau ihrer Schiffe weicht (von dem

unsrigen) insofern ab, als sie vorn und hinten einen Bug und dadurch

immer einen zum Landen geeigneten Vorteil haben. Die Suionen bedienen

weder Segel, noch binden sie die Ruder an den Schiffsseiten

reihenweise fest. Das Ruderwerk ist vielmehr, wie man es manchmal auf

Flüssen beobachten kann, frei beweglich (in Tauringen) angebracht

und, je nach den Erfordernissen der Fahrt, auf die eine oder andere

Richtung umzustellen. Bei ihnen genießt auch der Reichtum großes

Ansehen, und darum gebietet nur einer, nunmehr ohne alle

Einschränkungen und ohne sich das Recht auf Gehorsam erbitten zu

müssen. Auch die Waffen stehen hier nicht wie bei den übrigen

Germanen allen immer zur Verfügung, sondern weggeschlossen unter der

Obhut eines Wächters, und zwar eines Sklaven, weil das Meer

plötzliche feindliche Einfälle unmöglich macht, außerdem müßige Hände

mit den Waffen nur zu leicht Unheil anrichten; es ist ja auch der

wohlverstandene Vorteil des Königs, weder einen Edlen noch einen

Freigeborenen, ja nicht einmal einen Freigelassenen als Hüter über

die Waffen zu setzen.

XLV - Im höchsten Norden, Ästier, Bernsteinhandel, Sithonen

Jenseits (nördlich) von den Suionen liegt noch ein anderes Meer,

träge und beinahe ohne Bewegung. Daß dieses Meer den Erdkreis

abrundet und abschließt, wird dadurch glaubhaft, daß der letzte

Schein der bereits hinabgetauchten Sonne bis zum Sonnenaufgang in

solcher Helligkeit anhält, daß er die Sterne überstrahlt; außerdem -

so fügt der Volksglaube hinzu - hört man den Klang der auftauchenden

Sonne und sieht Umrisse von Pferden und das strahlenumkränzte Haupt

(des Sonnengottes). Nur bis dahin geht - und das darf man glauben -

die Welt.

An der Ostküste bespült das suebische Meer also nun die Stämme der

Ästier, die in Sitte und äußerer Erscheinung den Sueben gleichen,

deren Sprache jedoch der britannischen näher steht. Sie verehren die

Göttermutter. Als Glaubenssymbol tragen sie Nachbildungen von Ebern:

dies Zeichen macht den Verehrer der Göttin an Stelle von Waffen und

als Schutz gegen alles selbst inmitten von Feinden gefeit. Selten

verwenden sie Eisenwaffen, häufiger schon Knüppel; Getreide und

andere Feldfrüchte bauen sie mit größerer Ausdauer an, als es der

üblichen Trägheit der Germanen entspricht. Aber auch das Meer

durchsuchen sie, und sie sind die einzigen von allen Germanen, die

den Bernstein, den sie selbst "glesum" nennen, im Umkreis seichter

Stellen und am Strande selbst sammeln. Woraus er besteht oder wie er

entsteht, das haben sie, wie das bei Barbaren nicht anders zu

erwarten ist, weder zu wissen verlangt noch in Erfahrung gebracht;

ja, er lag sogar lange Zeit (unbeachtet) zwischen dem sonstigen

Auswurf des Meeres, bis ihm unsere Schmuckbedürfnis seine Bedeutung

verlieh. Sie selbst verwenden ihn überhaupt nicht: roh (, wie er

anfällt,) wird er aufgelesen, unverarbeitet in den Handel gebracht,

und staunend nehmen sie den Kaufpreis entgegen. Daß es sich jedoch um

Baumharz handelt, sieht man leicht, weil sehr oft allerlei auf der

Erde kriechende und selbst herumfliegende kleine Tiere durch die

Bernsteinmasse schimmern; sie verfingen sich in dem noch flüssigen

Harz und sind nun, nachdem es sich zu festem Stoffe verhärtete, darin

eingeschlossen. Ich möchte also meinen, daß ebenso wie in den

entlegeneren Gegenden des Orients, wo Weihrauch und Balsam (von den

Bäumen) ausgeschieden werden, es auch auf den Inseln und in den

Ländern des Okzidents besonders ergiebige Waldungen und Haine gibt,

deren Absonderungen durch die Strahlen der benachbarten Sonne

herausgezogen werden, in klarflüssigem Zustande in das nahe gelegene

Meer rinnen und durch gewaltige Stürme an die uns gegenüberliegende

Küste angeschwemmt werden. Prüft man den Bernstein auf seine

Zusammensetzung, indem man ihn mit Feuer in Berührung bringt, dann

brennt er wie Kienspan und ergibt eine qualmige und stark duftende

Flamme; dann erstarrt er zu einer zähen pech- oder harzähnlichen

Masse.

An die Suionen schließen sich die Sithonenstämme an. In allen übrigen

Beziehungen gleichen sie jenen: nur in dem einen Punkte weichen sie

(von ihnen) ab, daß eine Frau über sie herrscht: so weit sind sie

nicht nur unter die Stufe eines freien Volkes, sondern sogar unter

die eines versklavten gesunken.

XLVI - Peukiner, Venether, Fennen, Fabelwesen im äußersten Osten

Hier ist das Land der Sueben zu Ende. Ob ich die Stämme der

Peukiner, Venether und Fennen zu den Germanen oder Sarmaten rechnen

soll, weiß ich nicht recht, wenn auch die Peukiner, die manche auch

Bastarner nennen, sich in Sprache, Lebensform, Siedlungs- und

Wohnweise wie Germanen verhalten. Alle sind schmutzig und auch die

Vornehmen stumpfsinnig und träge; durch Mischleben sind sie in

mancher Beziehung zur äußeren Erscheinung von Sarmaten entartet. Die

Venether haben viel von deren Sitten angenommen; denn sie

durchstreifen das ganze Wald- und Bergland zwischen Peukinern und

Fennen in Raubzügen. Man wird sie trotzdem eher zu den Germanen

rechnen, weil sie feste Häuser bauen, Schilde tragen und an der

Geübheit und Schnelligkeit ihrer Füße ihre Freude haben; das alles

trennt sie von den Sarmaten, die auf ihren Wagen und Pferden

leben.

Die Tierähnlichkeit der Fennen ist erstaunlich, ihre Armut

abschreckend. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein Haus. Ihre

Nahrung besteht aus Kräutern, die Kleidung aus Tierhäuten, ihre

Lagerstätte ist der Erdboden; ihre einzige Hoffnung sind die Pfeile,

die sie aus Mangel an Eisen mit spitzen Knochen versehen. Dieselbe

Jagd gibt Männern und Frauen in gleicher Weise ihren Lebensunterhalt;

denn die Frauen kommen überall mit hin und beanspruchen ihren Anteil

an der (gemeinsam erlegten) Beute. Auch die kleinen Kinder haben

keine andere Zufluchtsstätte vor wilden Tieren und vor dem Regen als

den Unterschlupf unter irgendeinen Geflecht von Zweigen: hierhin

kehren die jungen Männer zurück, das ist auch das Asyl der Greise.

Aber sie meinen, man sie glücklicher (bei alledem), als wenn man über

schwerer Ackerarbeit seufze, mühsam Häuser baue, eigenes und fremdes

Hab und Gut in Furcht und Hoffnung umzusetzen (Handel zu treiben)

suche: ohne sich um die Menschen, ohne sich um die Götter zu kümmern,

haben sie das Schwerste erreicht: wunschlos zufrieden zu sein.

Das übrige gehört schon mehr in den Bereich der Fabel: daß die

Hellusier und Oxioner Mund und Gesicht wie Menschen haben, Rumpf und

Gliedmaßen dagegen wie wilde Tiere: das will ich als unerforschte

Angabe dahingestellt sein lassen.


Quellen : "Tacitus Germania" Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung Leipzig