Die Germania
Mi, 09/10/2008 - 23:25 – wegtam
Die "Germania" gilt als die erste umfassende ethnologische Arbeit über die Lebensweise der Germanen. Obwohl diese Schrift nicht unumstritten ist, und man leicht erkennt, daß sie wohl hauptsächlich als politische Streitschrift dienen sollte, so gibt sie doch einen für damalige Verhältnisse guten Einblick in Alltag und Brauchtum der Germanen.
Germania
I - Die Grenzen Germaniens
Germanien in seiner gesamten Ausdehnung wird von den Galliern und
den Rätern und Pannoniern durch die Flüsse Rhein und Donau, von den
Sarmakaten und Dakern durch die beiderseitige Furcht oder durch
Gebirgszüge abgegrenzt; die übrigen Teile umspült der Ozean, der
breite Halbinseln und Inseln von unermeßlicher Ausdehnung umschließt,
auf denen man erst in jüngerer Zeit einige Völkerschaften und Könige
entdeckt hat, deren Kenntnis (uns) der Krieg erschloß. Der Rhein
entspringt auf einem unzugänglichen, steilen Gipfel der Rätischen
Alpen, wendet sich nach mäßiger Krümmung nach Westen und mündet in
die Nordsee. Die Donau kommt von dem sanft und allmählich
ansteigenden Bergrücken des Schwarzwalds und berührt (auf ihrem
Laufe) zahlreiche Völker, bis sie sich schließlich in sechs Flußarmen
den Durchbruch ins Schwarze Meer erkämpft; ein siebenter Arm verliert
sich in sumpfigem Gebiete.
II - Urgeschichte, Der Name
Von der Germanen selbst möchte ich glauben, daß sie Ureinwohner
(des Landes) und kaum durch das Eindringen und die bereitwillige
Aufnahme fremder Völker mit anderen vermischt sind. Denn nicht auf
dem Landwege, sondern zu Schiff kamen in alter Zeit die Menschen, die
ihre Wohnsitze zu verändern suchten, in andere Länder, und der sich
in unermeßliche Weiten verlierende und sozusagen auf einer Welt uns
gegenüberliegende Ozean wird ja auch nur selten von Schiffen unseres
Erdteiles befahren. Wer hätte ferner, ganz abgesehen von den Gefahren
des schaurig bewegten und unbekannten Meeres, Asien oder Afrika oder
Italien den Rücken kehren und nach Germanien ziehen wollen, das ohne
Reiz im Aufbau seiner Landschaft und rauh im Klima, dessen
Gesamteindruck niederdrückend ist - es sei denn es wäre seine
Heimat?
Die Germanen preisen in uralten Liedern, der einzigen Art von
geschichtlicher Überlieferung, die es bei ihnen gibt, den
erdenentsprossenen Gott Tuisto. Ihm weisen sie einen Sohn Mannus als
den Urahn und Stammvater ihres Volkes zu, dem Mannus (wieder) drei
Söhne, nach deren Namen die unmittelbar an der Küste des Ozeans
lebenden Stämme Ingävonen, die Völker in der Mitte des Landes
Herminonen, die übrigen Istävonen heißen sollen. Manche behaupten,
wie es bei einer so weit zurückliegenden Zeit leicht zu vertreten
ist, der Gott habe mehr Söhne gehabt und es gebe (entsprechend) mehr
Stammesnamen - Marser, Gambrivier, Sueben, Vandilier -, und dies
seien die echten alten Namen; die Bezeichnung Germanien sei dagegen
jüngeren Ursprungs und vor nicht allzulanger Zeit aufgekommen; denn
die Leute, die zuerst den Rhein überschritten und Gallier vertrieben
hätten, die jetzigen Tungrer, hätten damals Germanen geheißen: der
Name eines einzelnen Stammes, nicht des Gesamtvolkes habe sich
allmählich in der Weise durchgesetzt, daß zunächst die Gesamtheit der
Germanen wegen des Schreckens, der dem Namen anhaftete, von dem
Sieger so genannt wurde, sich dann aber auch selbst so bezeichnete,
nachdem der Name einmal aufgekommen war.
III - Kampflieder
Man berichtet, auch Herkules sei bei ihnen gewesen, und ihn
besingen die Germanen (wirklich) als den hervorragensten ihrer
Helden, wenn sie in den Krieg ziehen. Es gibt bei ihnen auch eine Art
von Liedern, durch deren Vortrag, den sie als "barditus" bezeichnen,
sie den Mut (der Kämpfer) beleben und den Ausgang einer
bevorstehenden Schlacht - lediglich nach dem Klang - deuten: sie
verbreiten nämlich oder empfinden Schrecken, je nachdem wie der
Gesang der Kämpfer ausfiel, und sie sehen in ihm weniger ein
Zusammenklingen ihrer Stimmen als ihrer tapferen Herzen. Erstrebt
wird vor allem Rauheit im Klang und ein stoßweise hervorgebrachtes
dröhnendes Gebrüll. Sie halten dabei die Schilde nahe an den Mund, um
die Stimme durch den Widerhall voller und dumpfer anschwellen zu
lassen.
Übrigens meinen manche, auch Odysseus habe - auf jener langen,
sagenumwobenen Irrfahrt in diesen Teil des Ozeans verschlagen - die
Länder Germaniens besucht und Asciburgium, das am Rhein liegt und
heute noch bewohnt ist, gegründet und benannt; ja man habe sogar
einen dem Odysseus geweihten Altar, auf dem noch der Name seines
Vaters Laertes hinzugefügt gewesen sei, einst an der gleichen Stelle
gefunden, und einige Grabhügel mit Denkmälern, auf denen griechische
Schriftzeichen ständen, gäbe es noch heutigen Tages im Grenzgebiet
zwischen Germanien und Rätien. Das habe ich weder durch Beweise zu
stützen noch zu widerlegen im Sinn; mag dem jeder nach seiner
Auffassung den Glauben versagen oder Glauben schenken.
IV - Volkscharakter
Ich selbst schließe mich der Meinung derer an, die glauben, daß
die Stämme Germaniens - in keiner Weise durch eheliche Verbindungen
mit anderen Völkern verfälscht - ein eigenwüchsiges, unvermischtes
Volk von unvergleichlicher Eigenart sind. Darum ist auch die äßere
Erscheinung, soweit man das bei einer so großen Zahl von Menschen
sagen kann, bei allen gleich: alle haben trotzige, blaue Augen,
rotblondes Haar und hünenhafte Leiber, die freilich nur zum Angriff
taugen. In mühseliger Arbeit und Strapazen haben sie nicht die
gleiche Ausdauer, und am wenigsten sind sie Durst und Hitze zu
ertragen gewöhnt, wohl aber infolge des Klimas und der
Bodenbeschaffenheit Kälte und Hunger.
V - Landschaft, Erträgnisse und Handel
Die Landschaft zeigt zwar im einzelnen eine gewisse Abwechslung,
ist aber im ganzen doch schaurig durch ihre Wälder oder durch Sümpfe
entstellt, reicher an Niederschlägen, wo sie den gallischen Provinzen
zugewandt ist, windreicher nach Norikum und Pannonien hin. Das Land
ist fähig, die Saat zur Reife zu bringen, kaum gewillt, Obstbäume zu
tragen, zwar reich an Vieh, aber das ist meist wenig ansehnlich.
Nicht einmal das Pflugvieh hat in dem stolzen Stirnschmuck die ihm
zukommende Auszeichnung: die Germanen freuen sich, wenn sie viel Vieh
haben, und das ist ihr einziger und der ihnen willkommenste
Reichtum.
Ob ihnen die Götter aus Gnade oder im Zorn Silber und Gold versagt
haben, vermag ich nicht zu entscheiden; dabei will ich nicht
behaupten, keine Ader in Germanien führe zu Silber oder Gold; denn
wer hätte je danach geforscht? Jedenfalls machen Besitz und Gebrauch
auf sie keinen sonderlichen Eindruck. Man kann beobachten, daß bei
ihnen silberne Gefäße, die ihren Gesandten und Fürsten als Ehrengabe
überreicht worden sind, nicht höher eingeschätzt werden als Gefäße
aus Ton. Unsere unmittelbaren Grenznachbaren wissen jedoch infolge
der Handelsbeziehungen Gold und Silber zu schätzen, erkennen manche
Ausprägungen unseres Geldes an und bevorzugen sie; die im Innern des
Landes Wohnenden treiben in einfacherer und altertümlicherer Weise
Tauschhandel. Sie nehmen gern das alte und seit langem bekannte Geld,
Stücke mit gezähntem Rand und dem Bilde des Zweigespanns. Sie halten
sich lieber an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer
Liebhaberei, sondern nur, weil eine (größere) Anzahl Silbermünzen
beim Einkauf von billigem Kleinkram handlicher ist.
VI - Waffen, Kampfkraft und Kampfesweise
Nicht einmal Eisen ist im Überfluß vorhanden, wie sich aus der Art
ihrer Angriffswaffen ergibt. Nur wenige haben Schwerter oder
Speereisen von größerer Länge und Breite; sie tragen Stoßlanzen oder
- nach ihrer eigenen Bezeichnung - "Framen" mit einer schmalen und
kurzen, aber so scharfen und praktisch gut verwendbaren Eisenspitze,
daß sie, je nach den Erfordernissen der Kampflage, mit derselben
Waffe aus geringerer oder größerer Entfernung kämpfen können. Der
Reiter begnügt sich mit Schild und Frame; die Kämpfer zu Fuß
schleudern auch kleinere Wurfspieße - jeder mehrere -, und sie
schnellen sie ungeheuer weit, mit nacktem oder nur mit einem Mantel
leicht bekleidetem Oberkörper. Es gibt kein Prunken mit schmucken
Waffen; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit besonders
ausgesuchten Farben. Nur wenige haben Brustpanzer, kaum der eine oder
andere einen Metall- oder Lederhelm.
Ihre Pferde fallen weder durch Schönheit noch durch Schnelligkeit in
die Augen; aber man richtet sie auch nicht nach unserer Art dazu ab,
verschiedenartige Kreisbewegungen auszuführen: sie lassen sie
geradeaus oder in einer einzigen Wendung nach rechts traben, und zwar
in einem so dicht geschlossenen Bogen, daß niemand
zurückbleibt.
Im ganzen gesehen, liegt das Schwergewicht bei der Fußtruppe, und
darum kämpfen sie in gemischtem Verband; die Behendigkeit der
Fußsoldaten, die sie aus der gesamten Jungmannschaft aussuchen und
vor die Front stellen, paßt sich dabei dem Reiterkampf vorzüglich an.
Festgelegt ist auch die Zahl (solcher Kämpfer): es sind je hundert
aus jedem Gau, und ebendanach heißen sie auch bei ihnen
(Hundertschaften), und was anfangs nur eine Zahlbezeichnung war, ist
nunmehr ein Ehrentitel.
Das Hauptheer wird aus keilförmigen Abteilungen gebildet. Von der
Stelle zu weichen gilt eher als ein Zeichen kluger Taktik als von
Furcht, wenn man nur wieder nachstößt. Die Leichen ihrer Gefährten
bringen sie auch in Gefechten mit zweifelhaftem Ausgang zurück. Den
Schild preisgegeben zu haben ist eine Schande ohnegleichen; wer so
seinen guten Ruf verlor, darf weder an Opferhandlungen teilnehmen
noch das Thing besuchen, und viele, die den Krieg glücklich
überstanden, haben ihrer Schmach mit dem Strick ein Ende gemacht.
VII - Könige und Herzöge, Die Frau im Kampfe
Die Könige wählen sie nach dem Adel ihrer Abkunft, die Herzöge auf
Grund persönlicher Tapferkeit. Den Königen steht keine unbegrenzte
oder willkürliche Machtbefugnis zu, und die Herzöge führen mehr durch
ihre Vorbildlichkeit als durch Befehlsgewalt: wenn sie entschlossen
sind, wenn sie sich hervorragend schlagen und vor der Front ihren
Mann stehen, dann führen sie dank der Bewunderung, die man ihnen
entgegenbringt. Übrigens ist es nur den Priestern gestattet, jemanden
zu töten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen, (und das geschieht)
nicht etwa zum Zwecke der Bestrafung oder auf Geheiß des Herzogs,
sondern gleichsam auf Befehl der Gottheit, an deren hilfreiche
Anwesenheit im Kampfe sie glauben. In die Schlacht nehmen sie aus den
heiligen Hainen Bilder (der den Göttern heiligen Tiere) und gewisse
Symbole (ihrer Gottheiten) mit; der stärkste Ansporn zur Tapferkeit
ist aber die Tatsache, daß nicht Zufall und willkürliche
Zusammenrottung die Reitergruppe oder den Keil bilden, sondern die
Sippen und die weitere Verwandschaft. Und in nächster Nähe (des
Schlachtfeldes) befinden sich ihre (heiligsten) Unterpfänder, (ihre
Lieben,) so daß sie von dort die lauten Kampfrufe ihrer Frauen, das
Wimmern ihrer Kinder hören können. Dies sind für jeden die heiligsten
Zeugen, auf ihre Anerkennung legt jeder den größten Wert: zu den
Müttern, zu den Frauen bringen sie ihre Wunden, und diese zeigen
keine Scheu, die Verletzungen zu zählen und genau zu untersuchen; sie
bringen auch den Kämpfern Speise und Zuspruch.
VIII - Die Heiligkeit der Frau
Es wird berichtet, daß manches schon zum Weichen gebrachte und
zurückflutende Heer von den Frauen dadurch zum Stehen gebracht worden
ist, daß sie (die Zurückgehenden) inständig (um Schutz) baten, ihnen
die entblößte Brust entgegenhielten und auf die unmittelbar drohende
Gefangenschaft hinwiesen, die die Germanen viel leidenschaftlicher
für die Frauen fürchten; (das geht) so weit, daß man wirkungsvoller
die Stämme verpflichtet, die unter den Geiseln auch vornehme junge
Mädchen stellen müssen.
Ja, die Germanen meinen sogar, den Frauen sei eine gewisse Heiligkeit
und seherische Gabe eigen, und so verschmähen sie weder ihren Rat,
noch verachten sie den erteilten Bescheid. Wir haben unter dem
göttlichen Vespasian die Veleda gesehen, die lange Zeit bei nicht
wenigen Germanen als göttliches Wesen anerkannt war; aber auch schon
in alter Zeit haben sie die Albruna und mehrere andere verehrt, nicht
in kriecherischer Unterwürfigkeit und nicht in der Meinung, sie
machten sie erst zu Göttinen.
IX - Götter
Unter den Göttern verehren sie am meisten Merkur, dem sie an
bestimmten Tagen auch Menschenopfer darbringen zu müssen glauben.
Herkules und Mars suchen sie durch erlaubte, das heißt Tieropfer, zu
gewinnen. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis; wie es zur
Einführung dieses fremden Kultes gekommen ist und woher er stammt,
habe ich nicht in Erfahrung bringen können; nur (soviel läßt sich
sagen), daß das Kultsymbol selbst, einer Barke nachgebildet, auf eine
Einführung des Kultes auf dem Seewege hinweist. Übrigens glauben die
Germanen, daß es mit der Hoheit des Himmlischen unvereinbar sei,
Götter in Wände einzuschließen und sie irgendwie menschlichem
Gesichtsausdruck anzunähern: sie weihen Lichtungen und Haine und
geben die Namen von Göttern jener weltentrückten Macht, die sie
allein in frommen Erschauern erleben.
X - Deutung göttlichen Willens
Vorzeichen und Losorakel beobachten sie wie kaum ein zweites Volk.
Das herkömmliche Verfahren ist recht einfach: Sie schneiden von einem
fruchttragenden Baum einen Reis ab, zerschneiden es in Stäbchen,
versehen diese mit bestimmten (runenartigen) Zeichen und streuen sie
planlos über ein weißes Tuch, wie sie ihnen gerade unter die Hand
kommen. Dann betet der Stammespriester, wenn eine Befragung von
Stammes wegen erfolgt, bei privater Befragung der Hausherr
persöhnlich, zu den Göttern und hebt - den Blick zum Himmel gewendet
- dreimal (hintereinander) eins auf und deutet die aufgehobenen
Stäbchen nach dem vorher eingeritzten Zeichen. Geben sie ablehnenden
Bescheid, dann wird an demselben Tage in derselben Angelegenheit
keine Befragung mehr vorgenommen; bei zustimmendem Bescheid wird die
zusätzliche Bestätigung durch Vorzeichen für erforderlich gehalten.
Sie kennen auch den (weitverbreiteten) Brauch, die Stimmen der Vögel
und ihren Flug zu befragen; eine besondere Eigenart des germanischen
Volkes ist es jedoch, auch Witterung und Weisung von Rossen prüfend
zu erforschen. Die Tiere werden auf Kosten des Stammes in den bereits
erwähnten Hainen und Lichtungen gehalten, weißglänzend und durch
keinerlei irdischen Dienst entweiht. Der Priester und der König oder
das staatliche Oberhaupt gehen neben den Rossen her, die an den
heiligen Wagen geschirrt sind, und beobachten ihr Wiehern und
Schnauben. Kein Vorzeichen gnießt größeres Vertrauen, nicht nur in
den breiten Schichten der Gemeinfreien: selbst bei den Vornehmen und
Priestern; diese halten sich nämlich für Diener der Götter, von den
Rossen meinen sie, sie wüßten um den Willen der Götter.
Es gibt bei ihnen auch noch eine andere Beobachtung von Vorzeichen,
mit der sie den Ausgang schwerer Kämpfe zu erforschen suchen. Sie
lassen einen auf irgendeine Weise aufgegriffenen Gefangenen des
Volkes, mit dem sie Krieg führen, mit einem ausgesuchten Streiter aus
ihren eigenen Reihen - jeden in den Waffen ihrer Heimat - kämpfen;
der Sieg des einen oder anderen wird als Vorentscheidung
angesehen.
XI - Thing
Über geringfügigere Anliegen beschließen die Gaufürsten allein,
über bedeutendere alle Gemeinfreien, jedoch in der Weise, daß auch
das, worüber das Volk zu entscheiden hat, im Rate der Fürsten
vorbehandelt wird. Man kommt, wenn nicht ein überraschendes,
dringendes Ereignis eintritt, an festliegenden Tagen, bei Neu- oder
Vollmond, zusammen; die Germanen meinen nämlich, dies sei die
verheißungsvollste Zeit, etwas zu beginnen. Sie berechnen (übrigens)
nicht wie wir die Zahl der Tage, sondern die der Nächte. Danach
setzen sie ihre Zusammenkünfte fest, danach verabreden sie sich: die
Nacht führt sozusagen den Tag herauf. Das ist eine Schattenseite
ihres Strebens nach persönlicher Freiheit, daß sie nicht auf einmal
und nicht wie auf Befehl zusammenkommen, sondern daß ein zweiter und
ein dritter Tag über dem zögernden Eintreffen der Thingteilnehmer
ungenützt verstreicht. Wie es der ungeordneten Menge gefällt, nimmt
man bewaffnet Platz. Ruhe wird durch die Priester geboten, die nun
auch das Recht haben, Strafen zu verhängen. Dann schenkt man - dem
Alter, dem Adel, dem Kriegsruhm und der Rednergabe jedes einzelnen
entsprechend - dem König oder einem der führenden Adligen Gehöhr,
mehr weil man ihrem Rat maßgebliche Bedeutung beimißt, als weil sie
die Macht hätten zu befehlen. Mißfällt (der Menge) die vorgetragene
Ansicht, dann lehnt man sie durch (allgemeines) Murren ab; gefällt
sie ihnen, dann schlagen sie die Framen aneinander; die ehrenvollste
Art der Zustimmung ist der mit den Waffen gezollte Beifall.
XII - Recht und Strafe
Vor dem Thing darf man auch Klage erheben und einen Prozeß auf
Leben und Tod anhängig machen. Aus dem Vergehen ergibt sich das
unterschiedliche Strafmaß: Verräter und Überläufer knüpfen sie an
(dürren) Bäumen auf, Feiglinge, Kampfscheue und der Unzucht
Überführte versenken sie im Morast eines Sumpfes, den sie mit Reisig
überdecken. Die verschiedene Abstufung der Todesstrafe geht auf die
Vorstellung zurück, daß man die Bestrafung gemeiner Verbrechen
gleichsam sichtbar vollziehen, ehrenrührige Handlungen mit Schweigen
zudecken müsse. Aber auch geringere Vergehen finden die entsprechende
Sühne: Die Schuldigen büßen ihr Vergehen mit einer bestimmten Anzahl
von Pferden oder Vieh. Ein Teil der Buße wird dem König oder dem
Stamm, ein Teil dem Geschädigten oder seiner Verwandtschaft
gezahlt.
In den gleichen Versammlungen wird auch die Wahl der Fürsten
vollzogen, die in den Dörfern ihrer Gaue Recht sprechen; jedem stehen
hundert Beisitzer aus dem Stande der Gemeinfreien zur Seite, die ihn
beraten und zugleich sein Urteil bekräftigen.
XIII - Waffennahme, Gefolgschaft
Es gibt überhaupt nichts im staatlichen oder persönlichen
Bereiche, was sie ohne Bewaffnung vollzögen. Aber die Sitte
verbietet, daß jemand Waffen anlegt, ehe die Gemeinde ihn für
waffenfähig erklärt. Dann schmücken eben auf einem solchen Thing
einer der Fürsten oder der eigene Vater oder den Verwandten den
jungen Mann mit Schild und Frame: das entspricht bei ihnen der
Anlegung der Toga (bei uns), das ist die erste Auszeichnung für die
jungen Männer; bis dahin gelten sie als Glied des väterlichen Hauses,
nunmehr als Glied des Staates.
Hochadel oder große Verdienste der Vorfahren sichern auch noch ganz
jungen Leuten die Wertschätzung eines Gefolgsherrn; sie werden dann
in die übrigen Gefolgsmannen eingereiht, die kräftiger sind und ihre
Fähigkeiten schon lange Zeit bewiesen haben, und es braucht sich
niemand zu schämen, wenn man ihn unter den Gefolgsleuten sieht. Es
gibt sogar Abstufungen innerhalb der Gefolgschaft selbst aufgrund der
Bewertung, die der Gefolgsherr vornimmt, und unter den Gefolgsleuten
herrscht großer Wettstreit, wer die erste Stelle bei seinem Herrn
einnimmt; die Gefolgsherrn wetteifern ihrerseits nicht weniger, wer
die meisten und tatkräftigsten Gefolgsleute hat. Das ist ihre Würde,
das ihre Kraft: immer von einem großen Kreise von auserlesenen
Jungmannen umgeben zu sein; im Frieden ist die Gefolgschaft das
Ehrengeleit, im Kriege dient sie als Leibwache. Und nicht allein im
eigenen Volke, sondern auch bei den Nachbarvölkern verschafft es
(jedem Gefolgsherrn) Namen und Ruhm, wenn er dank der Zahl und
Tüchtigkeit der Gefolgsleute einen besonderen Rang einnimmt; solche
Gefolgsherren werden nämlich von Gesandtschaften aufgesucht, erhalten
Ehrengaben und schlagen vielfach durch ihren bloßen Namen Kriege
nieder.
XIV - Gefolgsherr und Gefolgschaft, Kämpferische Haltung
Kommt es zum Kampf, dann ist es für den Gefolgsherrn eine Schmach,
sich an Tapferkeit übertreffen zu lassen, für die Gefolgschaft ist es
eine Schande, es dem Gefolgsherrn in Tapferkeit nicht gleichzutun.
Ganz ehrenrührig aber und ein Vorwurf für das ganze Leben ist es, den
Gefolgsherrn zu überleben und heil aus dem Kampfe heimzukehren; ihn
zu verteidigen und zu beschützen, auch die eigenen Heldentaten seinem
Ruhme zuzurechnen ist die wesentlichste Verpflichtung ihres
Treueschwurs: die Gefolgsherren kämpfen um den Sieg, die Gefolgsleute
für ihren Gefolgsherrn.
Wenn der Stamm, in dem sie aufgewachsen sind, in der Muße langer
Friedenszeiten zu erschlaffen droht, suchen nicht wenige vornehme
Jünglinge aus freien Stücken die Stämme auf, die zur Zeit irgendeinen
Krieg führen; denn Ruhe ist diesem Menschenschlage unwillkommen, und
leichter wird man in Gefahren berühmt, außerdem kann man eine große
Gefolgschaft nur durch Gewalttat und Krieg unterhalten. Die
Gefolgsleute fordern nämlich von der Freigebigkeit ihres Gefolgsherrn
jenes bekannte Streitroß, jene blutige siegbringende Frame; denn die
täglichen Mahlzeiten in ihrer schmucklosen, aber dabei keineswegs
kargen Aufmachung gelten als Sold. Die Mittel zu so reichen Gaben
werden in Kriegs- und Raubzügen erworben. Man kann die Germanen
weniger leicht zur Bodenbestellung oder dazu bestimmen, den
Herbstertrag abzuwarten, als den Feind zum Kampfe herauszufordern und
sich lohnende Wunden zu holen; ja, es gilt als überaus träge und
lässig, im Schweiße seines Angesichts etwas zu erwerben, was man mit
Blut erringen kann.
XV - Ehrengaben
Wenn sie (einmal) nicht in den Krieg ziehen, verbringen sie die
Zeit zum kleineren Teile mit Jagden, zum größeren mit erholsamen
Ausruhen. Dann schlafen und essen sie mit Hingabe, und es sind gerade
die tapfersten und kriegerischsten Naturen, die völlig ausspannen.
Die Sorge um Haus, Hof und Acker überläßt man den Frauen, alten
Männern überhaupt allen Schwachen auf dem Hofe; sie selbst leben in
einem merkwürdigen Zwiespalt ihres Wesens in stumpfen Nichtstun
dahin: es sind ja doch dieselben Menschen, die die Trägheit so lieben
und die Ruhe des Friedens so hassen.
Es ist in den Stämmen Sitte, daß jeder einzelne unaufgefordert den
Gefolgsherren Vieh oder Korn liefert; diese Ehrengabe, wie die
Empfänger die Spende auffassen, ermöglicht ihnen zugleich die
notwendigen Ausgaben. Vor allem freuen sie sich über Geschenke von
Nachbarstämmen, die sie nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch
von Stammes wegen erhalten: ausgesuchte Pferde, kostbare Waffen,
Brustschmuck und Halsketten; ja, wir haben sie sogar dahin gebracht,
Geld anzunehmen.
XVI - Siedlung, Bauten
Es ist allgemein bekannt, daß die Germanenstämme nicht in Städten
leben, ja überhaupt nichts von untereinander verbundenen Wohnsitzen
(geschlossener Siedlung) wissen wollen: sie siedeln in einzelnen,
voneinander weit abliegenden Gehöften, je nachdem wie ihnen ein
Quell, ein Feld oder ein Hain gefällt. Ihre Dörfer legen sie nicht in
unserer Art so an, daß die Häuser eng nebeneinanderstehen und eine
Straße bilden: jeder umgibt seinen Hof mit einem freien Raum;
vielleicht versprechen sie sich davon Hilfe für den Fall der
Feuersgefahr, vielleicht verstehen sie auch nicht zu bauen. Nicht
einmal Bruch- oder Backsteine sind bei ihnen in Gebrauch; sie
verwenden zu allem, ohne auf einen schönen oder gefälligen Anblick
Wert zu legen, roh behauenes Bauholz. Manche Stellen (an der
Außenfront ihrer Häuser) überstreichen sie freilich mit einer
gewissen Sorgfalt mit einer so weißglänzenden Erdmasse, daß sie den
Eindruck von Bemalung und farbiger Linienführung erweckt. Sie sind
auch gewohnt, unterirdische Höhlen auszuheben, über die sie eine
starke Dungschicht legen: das ist dann eine Zufluchtstätte für den
Winter und ein Getreidespeicher; denn solche Anlagen mildern die
starre Winterkälte, und wenn der Feind einmal ins Land eindringt,
dann verwüstet er das frei Daliegende, während er von dem Versteckten
und Vergrabenen entweder nichts weiß oder es gerade darum übersieht,
weil er es erst suchen muß.
XVII - Kleidung
Als Obergewand tragen alle Männer einen mantelartigen überwurf,
der mit einer Spange oder, wenn man keine hat, mit einem Dorn
zusammengehalten wird; ohne weitere Unterkleidung verbringen sie so
ganze Tage am Herdfeuer. Die Reichsten tragen davon abweichend
Unterkleidung; es ist das aber kein lose herabwallendes Gewand, wie
es die Sarmaten und Parther tragen, sondern ein straff anliegendes,
das die einzelnen Gliedmaßen deutlich hervortreten läßt. Die Germanen
tragen auch Tierfelle: die am Rhein- oder Donauufer wohnenden, ohne
auf die Auswahl besonderen Wert zu legen, die weiter im Inneren
ansässigen mit sorgsamer Wahl, da sie keinerlei Handelsbeziehungen
und darum sonst keine Möglichkeit haben, sich zu schmücken. Diese
Stämme suchen die Tiere sorgfältig aus und besetzen die abgeschorenen
Felle mit Pelzflecken von Tieren, die das Weltmeer in seinen höheren
Breiten und seinen unerforschten Teilen erzeugt.
Die Frauen kleiden sich nicht anders als die Männer, sie hüllen sich
nur öfters in leinene Umwurftücher, die sie durch rote Streifen
beleben, und lassen den oberen Teil des Untergewandes nicht in ärmel
auslaufen, sondern Unter- und Oberarm unbedeckt; aber auch der
anschließende Teil der Brust bleibt frei.
XVIII - Eheschliessung, Die Frau
Trotzdem hat man bei ihnen von der Ehe eine strenge Auffassung,
und es gibt keine Seite ihres sittlichen Lebens, die man mehr rühmen
könnte. Denn sie sind fast allein von allen fremden Völkern mit einer
einzigen Frau zufrieden; nur sehr wenige bilden eine Ausnahme, die
sich indessen nicht aus Sinnlichkeit, sondern wegen ihrer adligen
Stellung mehrfach mit Heiratsanträgen umwerben lassen.
Die Mitgift bringt nicht die Frau ihrem Mann, sondern der Mann seiner
Frau dar. Die Eltern und Verwandten (der Braut) sind bei der übergabe
zugegen und prüfen die Geschenke, Gaben, die nicht darauf berechnet
sind, eine Frau zu entzücken oder der Neuvermählten als Schmuck zu
dienen: es sind das vielmehr Rinder, ein gezäumtes Pferd und ein
Schild mit Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin willigt die
Frau in die Ehe ein und schenkt nun ihrerseits dem Gatten ein
Waffenstück: dieser Austausch von Gaben gilt als tiefste Bindung, als
ein Vorgang voll heiliger Geheimnisse, als göttliche Bestätigung der
geschlossenen Ehe. Die Frau soll nicht glauben, daß sie an Tapferkeit
nicht zu denken braucht und den wechselvollen Schicksalen eines
Krieges enthoben ist; darum wird sie gerade durch diese feierlichen
Weihen bei Beginn der Ehe darauf hingewiesen, daß sie in das Leben
ihres Mannes als Gefährtin in Mühen und Gefahren eintritt, gewillt,
das gleiche in Krieg und Frieden zu wagen und zu dulden: darauf weist
das Joch Ochsen, daruf das aufgezäumte Pferd, darauf die Waffengabe
hin. In diesem Sinne gelte es, sich in Leben und Tod zu bewähren; die
Gaben, die sie empfange, müsse sie unentweiht und in Ehren an ihre
Söhne weitergeben, und von denen müßten sie wieder an die Enkel
weitergegeben werden.
XIX - Keuschheit der Frau
So leben die Frauen in wohlbehüteter Keuschheit, ohne durch die
Verlockungen von Schauspielen oder die Reizungen von Gelagen
verdorben zu werden. Geheimen Briefwechsel kennen die Männer sowenig
wie die Frauen. So zahlreich die Menschen in diesem Volke sind, so
vereinzelt kommt es zu einem Ehebruch; die Strafe dafür wird
augenblicklich vollzogen und steht dem Gatten zu: entblößt, mit
abgeschnittenem Haar jagt sie der Mann im Beisein der Verwandten aus
dem Hause und treibt sie unter Peitschenhieben durch das ganze Dorf.
Für die Preisgabe der Frauenehre gibt es nämlich keine Verzeihung:
eine Ehebrecherin findet keinen Mann wieder, und wenn sie noch so
schön, so jung oder so reich wäre. Denn niemand belächelt dort
Laster, und verführen und sich verführen lassen gilt nicht als Geist
der Zeit. Besser noch steht es um die Stämme, bei denen überhaupt nur
die Jungfrauen heiraten und es mit der einmaligen Aussicht auf
Verehelichung sein Bewenden hat. So bekommen sie einen Gatten,
wie sie ja auch nur einen Körper und ein Leben
empfangen haben, damit kein Gedanke über den Tod hinaus in ihnen
aufkeimt, kein Verlangen diesen Zeitpunkt überdauere, damit sie
gleichsam nicht ihren Mann, sondern die Ehe (als den Weg zur
Mutterschaft) lieben.
Die Geburtenanzahl zu beschränken oder ein nachgeborenes Kind zu
töten gilt als Schande, und die gesunden sittlichen Anschauungen
wirken bei den Germanen stärker als anderswo gute Gesetze.
XX - Germanische Jugend, Germanisches Erbrecht
In allen Häusern wachsen sie dürftig gekleidet und wenig gepflegt
zu diesen Gliedmaßen, diesen Körpern heran, die wir bewundern. Die
eigene Mutter stillt sie alle; man überläßt die Kinder nicht Mägden
oder Ammen. Herrensohn und "Sklaven"-Kind kann man durch keinerlei
verzärtelte Erziehung voneinander unterscheiden: unter demselben
Vieh, auf demselben Erdboden verbringen sie ihre Kindheit, bis das
reifere Alter die Edlen schließlich aussondert, die Leistung sie als
solche erweist.
Spät erwacht in den jungen Männern die Liebe, und darum ist ihre
Zeugungskraft unverbraucht. Auch mit der Verheiratung der jungen
Mädchen hat man keine Eile; dieselbe jugendliche Kraft, der gleiche
schlanke Wuchs ist ihnen eigen: den Jünglingen ebenbürtig in ihrer
Unverbrauchtheit, gehen sie die Ehe ein, und in den Kindern lebt die
gesunde Kraft der Eltern weiter.
Die Söhne der Schwestern genießen bei ihrem Oheim mütterlicherseits
dieselbe Ehre wie bei ihrem Vater. Manche Stämme halten diese
Blutsverbindung für heiliger und enger und bevorzugen sie, wenn sie
sich Geiseln stellen lassen, da sie damit nach ihrer Meinung die
ehrliche Gesinnung (des einzelnen) sicherer, die Sippe in weiterem
Ausmaße sich verpflichten. Erben und Rechtsnachfolger sind trotzdem
jeweils nur die leiblichen Söhne, und eine letztwillige Verfügung
darüber kennt man nicht. Sind keine Kinder da, dann sind die
nächstberechtigten Erben die Brüder und die Oheime väterlicher- und
mütterlicherseits. Je größer die Zahl der Blutsverwandten, je größer
die der Verschwägerten ist, um so reicher an Freuden ist das Alter;
Kinderlosigkeit gilt in keiner Beziehung als vorteilhaft.
XXI - Germanisches Erbrecht, Gastlichkeit des germanischen Menschen
Man muß unter allen Umständen die Feindschaften wie die
Freundschaften des Vaters oder eines Blutsverwandten übernehmen. Die
Feindschaften dauern jedoch nicht unversöhnlich fort: selbst
Totschlag läßt sich nämlich mit einer bestimmten Anzahl von Groß- und
Kleinvieh sühnen, und die ganze Sippe nimmt die Genugtuung an. Das
ist vorteilhaft für den Stamm, weil bei der ausgeprägten
Freiheitsliebe (der Germanen) Fehden besonders gefährlich sind.
Es gibt kein Volk, das der Geselligkeit und Gastfreundschaft mit
solcher Hingabe huldigte wie die Germanen. Es gilt als Sünde, einem
Menschen ein Haus zu verschließen, wer es auch sei; jeder empfängt
ihn mit einem seinen wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechend
reich zubereiteten Mahle. Sind die Vorräte aufgezehrt, dann weist
der, der eben noch Gastgeber gewesen war, den Weg zu einem anderen
gastlichen Hause und geht selbst mit; uneingeladen betreten sie den
nächsten Hof. Und das hat nichts zu sagen: der Empfang ist nicht
weniger herzlich; im Gastrecht macht eben keiner einen Unterschied
zwischen Bekannten und Unbekannten. Es ist Brauch, daß man dem
scheidenden Gast auf Verlangen etwas übereignet, und umgekehrt
gefällt es (dem Gastgeber) nicht etwa schwerer, einen Wunsch
auszusprechen. Sie freuen sich über die Geschenke, aber sie rechnen
die Gaben (dem Empfänger) nicht nach und fühlen sich durch die
erhaltenen Geschenke nicht irgendwie verpflichtet. Zwischen Gastgeber
und Gast gibt es keinen Unterschied von mein und dein.
XXII - Tageslauf, Gelage
Gleich nach dem Schlafe, den sie oft genug bis in den Tag hinein
ausdehnen, waschen sie sich, öfter mit warmem Wasser, da bei ihnen
der Winter den größten Teil des Jahres ausfüllt. Nach dem Waschen
nehmen sie ihr Frühstück ein; jeder hat dabei einen besonderen Platz
und seinen eigenen Tisch. Dann begeben sie sich an ihre Geschäfte,
nicht weniger oft auch zu Gelagen, und zwar in Waffen. Tag und Nacht
einmal hintereinander beim Trunk zu verbringen wird keinem
übelgenommen. Wie es bei trunkenen Menschen üblich ist, kommt es
häufig zu Streitigkeiten, die selten mit gegenseitigen
Beschimpfungen, häufiger mit Totschlag und Verwundung enden. Aber man
berät andererseits auch über die (gegenseitige) Wiederversöhnung von
Feinden, die Anknüpfung verwandschaftlicher Beziehungen und die
Aufnahme in den Fürstenstand, ja schließlich über Krieg und Frieden
sehr of bei solchen Gelagen, da nach ihrer Meinung die Seele zu
keiner anderen Zeit ehrlichen Gedanken aufgeschlossener ist oder sich
für bedeutende eher erwärmt. Dies Volk, das weder verschlagen noch
durchtrieben ist, erschließt eben noch seine geheimsten Gefühle in
ausgelassener Heiterkeit; so tritt die Gesinnung bei allen unverhüllt
und offen ans Licht. Tags darauf nimmt man die Angelegenheit noch
einmal hervor, und beide Zeiten kommen zu ihrem Recht: sie überlegen
zu einer Zeit, da sie sich nicht verstellen können, sie beschließen,
wenn ein Irrtum unmöglich ist.
XXIII - Speisen und Getränke
Als Getränk dient ihnen ein Saft, der unter Verwendung von Gerste
und Weizen bereitet und ähnlich wie Wein vergoren ist; die Anwohner
des Rhein- und Donauufers kaufen sich auch richtigen Wein. Die
Speisen sind einfach: wildwachsendes Obst, frisch erlegtes Wildbret
oder geronnene Milch; sie stillen den Hunger, ohne die Speisen
besonders zuzubereiten oder zu würzen. Gegen den Durst zeigen sie
nicht die gleiche Beherrschtheit. Wenn man ihrer Trinklust dadurch
Vorschub leistet, daß man ihnen so viel zuführt, wie sie trinken
wollen, wird man sie ebensoleicht durch ihre eigenen Laster wie durch
Waffengewalt bezwingen können.
XXIV - Schauspiele, Würfelspiel
Es gibt nur eine einzige Art von Schaustellungen bei ihnen, die
bei jeder festlichen Zusammenkunft in derselben Weise verläuft: Nur
wenig bekleidete Jünglinge, für die das ein sportliches Vergnügen
ist, werfen sich in tanzartigen Sprüngen zwischen gezückte Schwerter
und drohend erhobene Framen. Die lange übung (in diesem Spiel) hat zu
einer gewissen Gewandtheit geführt, die Gewandheit zur Anmut;
trotzdem gehen sie dabei nicht auf Erwerb oder klingenden Lohn aus:
das Vergnügen der Zuschauer ist Lohn für ihre spielerische Freude, so
tollkühn sie ist.
Das Würfelspiel pflegen sie erstaunlicherweise in voller Nüchternheit
wie ein ernsthaftes Geschäft, und zwar in so unbeschwertem Leichtsinn
im Gewinnen oder Verlieren, daß sie in einem allerletzten Wurf um
ihre persönliche Freiheit und ihr Leben kämpfen, wenn sie alles
verloren haben. Der Unterlegene begibt sich freiwillig in
Knechtschaft; er läßt sich binden und verkaufen. Das ist
Hartnäckigkeit in einer verwerflichen Sache; sie selbst nennen es
"Treue". Auf diese Art Versklavte verkaufen sie weiter, um auch für
ihre eigene Person die Schmach eines solchen Sieges loszuwerden.
XXV - Behandlung der Sklaven, soziale Verhältnisse
Die übrigen Sklaven setzen sie nicht so ein, wie es bei uns Sitte
ist, wo die Dienstleistungen unter das Gesinde genau aufgeteilt sind:
jeder Sklave steht einem eigenen Anwesen, einem eigenen Hof vor. Sein
Herr erlegt ihm lediglich eine bestimmte Menge Brotgetreide, Vieh
oder Zeug (von Wolle oder Leinen) auf wie einem Kleinpächter, und nur
insofern besteht eine Verpflichtung für den Sklaven; die übrigen
hauswirtschaftlichen Dienste versehen Frau und Kinder (des
Grundherrn). Selten wird ein Sklave geschlagen und durch Zwangsarbeit
in Ketten bestraft; eher schon schlagen sie einen nieder, nicht in
Wahrung strenger Zucht, sondern im Jähzorn, wie man einen
persönlichen Feind erschlägt, nur daß es (für die Tötung eines
Sklaven) keine Strafverfolgung gibt. Die Freigelassenen stehen im
Range nicht viel über den Sklaven; selten kommt ihnen im Hause,
niemals im Stamme irgendeine entscheidende Bedeutung zu, mit Ausnahme
der Stämme, an deren Spitze ein König steht. Dort steigen sie nämlich
über Freigeborene und selbst über Adlige empor; bei den übrigen ist
die untergeordnete Stellung der Freigelassenen ein Beweis dafür, daß
dort wirklich Freiheit herrscht.
XXVI - Landwirtschaft
Daß man Kapital ausleihen und durch Zinsen anwachsen lassen kann,
ist den Germanen unbekannt, und dadurch sind die erfreulichen
Verhältnisse besser gewahrt, als wenn ein Verbot bestände.
Das ackerbaufähige Land wird in einem der Zahl der Bebauer
entsprechenden Umfang von der gesamten Dorfgemeinde zu wechselnder
Bebauung in Besitz genommen, dann teilen sie es untereinander nach
Rang und Würde auf; die weite Ausdehnung des verfügbaren Ackerlandes
sichert eine leichte Teilung. Sie wechseln jährlich die Saatfelder,
und es ist immer noch Ackerland übrig. Denn sie ringen nicht in
mühevoller Arbeit um die Fruchtbarkeit und den Umfang ihrer
Ländereien, so daß sie etwa Obstgärten anlegten, Wiesenflächen
abgrenzten und Gemüsegärten künstlich bewässerten: sie verlangen vom
Boden nur, daß er die Getreidesaat aufgehen läßt. Darum teilen sie
auch das Jahr selbst nicht in so viele Abschnitte ein: vom Winter,
Frühling und Sommer haben sie eine Vorstellung und kennen die
Bezeichnungen; der Begriff des Herbstes ist ihnen ebensowenig
vertraut, wie seine Gaben.
XXVII - Bestattungssitten
Es gibt bei ihnen kein Prunken in der Ausgestaltung der
Leichenbegängnisse: nur darauf wird gesehen, daß die Leichen brühmter
Männer unter Verwendung bestimmter Holzsorten verbrannt werden. Den
hochgeschichteten Bau des Scheiterhaufens überladen sie weder mit
Teppichen noch mit Räucherwerk: jeder bekommt seine Waffen mit,
manche werden auch mit ihrem Lieblingspferd verbrannt.
Nur ein Rasenhügel wölbt sich über dem Grabe: die Ehrung durch
hochragende und kunstvoll gearbeitete Steindenkmäler lehnen sie als
eine Last für die Abgeschiedenen ab. Mit Klagen und Weinen hören sie
bald auf, den Schmerz und die Traurigkeit verwinden sie nur langsam.
Den Frauen steht die Trauer wohl an, den Männern treues
Gedenken.
Das sind die allgemeinen Nachrichten über den Ursprung und die Sitten
des gesamten Germanenvolkes, die ich bekommen konnte; jetzt will ich
darlegen, wie sich die einzelnen Stämme in ihren (staatlichen)
Einrichtungen und ihren Gebräuchen voneinander unterscheiden, und
angeben, welche Stämme aus Germanien in die gallischen Provinzen
eingewandert sind.
XXVIII - Gallier und Germanen, linksrheinische Germanen
In alter Zeit, so berichtet unser bedeutendster
Geschichtsschreiber, der göttliche G. Julius Cäsar, seien die Gallier
an Macht überlegen gewesen; deshalb ist es durchaus glaubhaft, daß
auch Gallier auf germanisches Gebiet übergetreten sind. Denn wie
wenig konnte es ein Fluß (wie der Rhein) verhindern, daß ein Stamm
jeweils seinen Wohnsitz wechselte und Neuland in Besitz nahm, wenn er
stark genug geworden war; war doch das Land noch nicht in festen
Händen und nicht durch die Bildung mächtiger Königsherrschaften
aufgeteilt! So haben die Gebiete zwischen dem Herzynischen Walde und
den Flüssen Rhein und Main die Helvetier, das Land weiter östlich die
Bojer - beides gallische Stämme! - im Besitz gehabt. Noch heute ist
der Name Boihämum erhalten und bezeugt die Vorgeschichte dieses
Landstriches, wenn auch die Siedler gewechselt haben. Ob freilich die
Aravisker nach Pannonien aus dem Gebiete der Oser, eines unter
Germanen wohnenden Stammes, eingewandert sind oder die Oser nach
Germanien unter Loslösung von den Araviskern, das weiß man nicht;
noch heute gleichen sie einander in Sprache, Einrichtungen und
Gebräuchen. Schließlich lebten beide Stämme in früherer Zeit in der
gleichen Dürftigkeit und Ungebundenheit, und die Vor- und Nachteile
waren auf beiden Donauufern die gleichen.
Die Treverer und Nervier vertreten den Anspruch, germanischen
Ursprungs zu sein, sogar mit besonderem Ehrgeiz, in der Meinung, sie
könnten sich durch solchen Adel des Blutes von der Ähnlichkeit mit
den schlaffen Galliern lossagen. Das Rheinufer selbst bewohnen
unzweifelhaft germanische Stämme: die Vangonier, Triboker und
Nemeter. Auch die Ubier schämen sich ihrer germanischen Abstammung
nicht, obwohl sie sich doch die Ehre, eine römische Kolonie zu sein,
verdient haben und sich lieber nach ihrer Stadtgründerin (Agrippina)
Agrippinenser nennen hören; sie sind einst über den Rhein gegangen
und unter Erpobung ihrer Treue unmittelbar am linksrheinischen Ufer
angesiedelt worden: sie sollten dort die Grenzwacht bilden, nicht
etwa selbst unter Bewachung gehalten werden.
XXIX - Bataver, Mattiaker, Zehntland
Alle diese Stämme überragen an Tapferkeit die Bataver, die vom
linken Rheinufer nur einen kleinen Strich, dafür aber eine durch die
beiden Rheinarme und die Nordseee gebildete Insel bewohnen.
Ursprünglich waren sie ein Teil des Chattenvolkes und sind wegen
innerer Zerwürfnisse in ihre späteren Wohnsitze ausgewandert, wo es
ihnen beschieden war, ein ebenbürtiges Glied des römischen Reiches zu
werden. Sie haben sich ihre Sonderstellung und die sichtbare
Anerkennung ihrer langjährigen Waffenbrüderschaft mit Rom bewahrt;
denn man entwürdigt sie nicht durch Tribute, und kein Steuerpächter
saugt sie aus: befreit von Steuern und Sonderabgaben und nur zur
Verwendung für Kämpfe bereitgestellt, werden sie wie Trutz- und
Schutzwaffen Roms für dessen Kriege aufgespart.
Im gleichen Abhängigkeitsverhältnis steht auch der Stamm der
Mattiaker; denn die (militärische Kraft und) Größe des römischen
Volkes hat die Anerkennung seiner Herrschaft auch über den Rhein und
damit über die alten Reichsgrenzen hinübergetragen. So leben sie dem
Wohnsitz und Gebiete nach auf dem germanischen Rheinufer, halten aber
ihrer Gesinnung und Einstellung nach zu uns; im übrigen ähneln sie
den Batavern, nur haben sie, allein schon infolge der
Bodenbeschaffenheit und des Klimas ihres Landes, einen feurigeren
Sinn.
Nicht unter die Völker Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die
das Zehn(t)land bearbeiten, obwohl sie sich jenseits von Rhein und
Donau niedergelassen haben: die abenteuerlustigen Gallier, die die
Not kühn gemacht hat, haben den Boden, dessen Besitz umstritten war,
besetzt; seitdem dann der Grenzwall angelegt und die Grenzwachen
weiter nach vorn verlegt worden sind, bilden sie einen vorgeschobenen
Posten unseres Reiches und einen Teil der Provinz.
XXX - Chatten, Vorzüge des Chattenstammes
Weiter nordostwärts ("jenseits von diesen") wohnen die Chatten.
Ihre Wohnsitze beginnen mit dem Herzynischen Walde, ihr Gebiet ist
nicht so flach und sumpfig wie das der anderen Stämme, denen
Germanien einen so weiten Raum zur Verfügung stellt: die Hügel bilden
nämlich eine ganze Kette und werden nur allmählich seltener, und das
Herzynische Gebirge gibt seinen Chatten zugleich das Geleit und setzt
sie ab (verliert sich mit ihnen in der Ebene). Die Chatten haben
kräftigere Körper (als andere Stämme) und sehnigere Gliedmaßen, einen
drohenden Blick und eine ungewöhnliche geistige Regsamkeit. Für
Germanen zeigen sie große Umsicht und viel Geschick: sie wissen sich
unter auserlesene Männer zu stellen, gehorchen den Vorgesetzten,
kennen regelrechte Heeresverbände, verstehen günstige Gelegenheiten
wahrzunehmen, den Angriff auch einmal aufzuschieben, sich die
Tagesarbeit zweckmäßig einzuteilen und sich während der Nacht durch
Einschanzen zu sichern. Glückliche Zufälle sehen sie als unsicheres
Geschenk, die Tapferkeit als sichere Garantie (des Sieges) an, und -
was man nur sehr selten findet und was eigentlich ein Vorrecht
römischer Manneszucht ist - sie verlegen das Schwergewicht auf die
Führung statt auf das Heer. Alle Kraft liegt beim Fußvolk, dem sie
außer den Waffen auch Schanzzeug und Proviant aufbürden: andere kann
man in den Kampf ziehen sehen, die Chatten in den Krieg. Selten
unternehmen sie plötzliche Vorstöße und Kämpfe auf gut Glück.
Tatsächlich ist es ja auch eine besondere Eigenart von
Reiterverbänden, rasch den Sieg zu erringen, rasch zurückzuweichen;
(im allgemeinen aber) grenzt Schnelligkeit an Angst, während
bedachtsame Zurückhaltung zäher Festigkeit nähersteht.
XXXI - Die chattischen Berserker
Was sich auch bei anderen germanischen Stämmen als Brauch findet,
aber selten ist und dann dem verwegenen Entschluß des einzelnen
überlassen bleibt, hat sich bei den Chatten allgemein durchgesetzt:
sobald sie herangewachsen sind, lassen sie Haupt- und Barthaar
wachsen und entledigen sich erst nach Tötung eines Feindes der
Haartracht, die ein Gelöbnis der Tapferkeit und ihr gleichsam zum
Pfand gegeben ist. über dem Blute und der Beute (des gefallenen
Gegners) legen sie die Stirn frei und erklären, jetzt hätten sie erst
den schuldigen Preis für ihre Geburt bezahlt und wären ihrer Heimat
und ihrer Väter würdig; Feiglinge und unkriegerische Naturen behalten
das struppige Aussehen. Die Tapfersten tragen überdies einen
Eisenring wie eine Fessel - das gilt sonst bei diesem Stamm als
Schmach -, bis sie sich durch Tötung eines Feindes (gleichsam) frei
machen. Sehr viele Chatten gefällt diese Tracht, und sie sind
manchmal schon grau geworden unter diesem Schmuck, für Freund und
Feind zugleich durch ihn gekennzeichnet. In allen Kampfhandlungen
liegt der erste Anstoß bei ihnen, sie bilden immer die vorderste
Linie und bieten einen schrecklichen Anblick; denn auch im Frieden
mildern sie ihr Aussehen nicht durch eine gesittetere Lebensform.
Keiner dieser Kämpfer hat Hof, Acker oder sonst etwas, dem seine
Sorge gilt: sie werden von jedem, zu dem sie gerade kommen, nach
Möglichkeit verpflegt - Verschwender fremder Habe, Verächter des
Eigenbesitzes -, bis die Entkräftung des Alters sie zu so hartem
Heldenleben unfähig macht.
XXXII - Usiper, Tenkterer
In unmittelbarer Nähe der Chatten wohnen am Rhein, der nunmehr in
sicherem Bette fließt und somit eine genügend sichere Grenze abgibt,
die Usiper und Tenkterer. Über die gewöhnliche kriegerische
Tüchtigkeit hinaus zeichnen sich die Tenkterer durch eine besondere
Geschicklichkeit in der Reitkunst aus, und das Fußvolk ist bei den
Chatten nicht berühmter als bei den Tenkterern die Reiter. So haben
es die Vorfahren eingeführt, die Enkel ahmen es nach; dem Reiten gilt
das Spiel der Kinder, dem Reiten der Ehrgeiz der jungen Männer, und
selbst die Alten bleiben noch in der Übung. Neben Sklaven, Haus und
Hof und vererbbaren Rechten werden die Pferde vererbt: ein Sohn
empfängt sie - nicht, wie das übrige, der älteste, sondern ein
anderer -, je nachdem wie er sich im Kriege duch ungestümen Heldenmut
ausgezeichnet hat.
XXXIII - Brukterer
Neben den Tenkterern traf man einst auf die Brukterer; jetzt
sollen die Chamaven und Angrivarier in ihr Gebiet eingewandert sein,
nachdem die Brukterer vertrieben und durch ein gemeinsames Vorgehen
der Nachbarstämme vollkommen ausgerottet worden sind. Vielleicht
haßte man sie wegen ihres Hochmutes, oder die Beute lockte, oder die
Götter waren uns irgendwie gewogen; denn sie haben uns nicht einmal
das Schauspiel dieses Bruderkampfes vorenthalten. Mehr als
sechzigtausend Germanen fielen nicht der gesammelten Kampfkraft der
Römer zum Opfer, sondern - was noch großartiger ist - uns zur
Augenweide. Möchte doch - so kann man nur wünschen - den fremden
Völkern, wenn sie uns schon nicht lieben können, wenigstens der Haß
untereinander auf die Dauer erhalten bleiben, da uns in diesen für
das Reich schicksalsschweren Zeiten kein größeres Glück beschieden
sein kann als die Zwietracht unserer Feinde.
XXXIV - Friesen
An die Angrivarier und Chamaven schließen sich im Osten die
Dulgubnier und Chasuarier und andere Stämme an, die weniger bekannt
sind; unmittelbar im Norden grenzen die Friesen an. Die großen und
kleinen Friesen heißen so nach ihrem Kräfteverhältnis; beide Stämme
zusammen werden bis zum Ozean hin vom Rhein umsäumt und umschließen
(mit ihrem Wohngebiet) außerdem noch unermeßlich große Seen, die auch
von römischen Flotten befahren worden sind. Ja, wir haben uns dort
sogar auf das Weltmeer hinausgewagt, und ein weitverbreitetes Gerücht
besagt, daß Säulen des Herkules noch vorhanden sind, mag nun Herkules
selbst dort hingekommen sein oder es bei uns zur Übereinkunft
geworden sein, alles Großartige irgendwo auf der Welt auf diesen
berühmten Helden zurückzuführen. An Wagemut hat es dem Drusus
Germanicus (bei seinem Versuch, das Weltmeer zu befahren,) wahrlich
nicht gefehlt, aber der Ozean hat sich dagegen verwahrt, daß man ihm
und Herkules zugleich nachspürte. Dann hat niemand mehr den Versuch
unternommen, und man hat es für frömmer und ehrfurchtsvoller
gehalten, an die Taten der Götter zu glauben, als von ihnen zu
wissen.
XXXV - Nordgermanen
Soweit ist uns nun der westliche Teil Germaniens bekannt geworden;
im Norden kehrt es erst nach einer gewaltigen Ausbuchtung wieder (zum
Festland) zurück. Gleich an erster Stelle ist der Stamm der Chauken
zu erwähnen. Obwohl er unmittelbar an die Friesen angrenzt und einen
Teil der Küste einnimmt, ist er in der Flanke allen besprochenen
Stämmen vorgelagert, bis er schließlich in einer Ausbuchtung bis in
das Gebiet der Chatten reicht. Diesen ungeheuren Flächenraum haben
die Chauken nicht nur im Besitz, sondern füllen ihn auch aus, der
angesehenste Germanenstamm, der es vorzieht, sich seine Größe durch
Gerechtigkeit zu erhalten. Frei von Habgier und Herrschsucht, leben
sie in stiller Abgeschiedenheit, beschwören keinerlei Kriege herauf
und verwüsten (fremdes Gebiet) nicht durch Raubzüge und überfälle.
Das ist der vornehmste Beweis ihrer Kraft und Stärke, daß sie ihre
Überlegenheit nicht Gewalttaten verdanken; trotzdem haben alle ihre
Waffen griffbereit liegen, und wenn die Lage es erfordert, steht ein
gewaltiges Heeresaufgebot von Kriegern und Pferden bereit; und ihr
Ruf ist nicht weniger geachtet, wenn sie Frieden halten.
XXXVI - Cherusker und Foser
Die Cherusker, die ostwärts neben den Chauken und Chatten wohnen,
haben - von niemandem zum Kampfe herausgefordert - allzulange in
erschlaffendem Frieden dahingelebt; das hatte mehr Annehmlichkeiten
als Sicherheit zur Folge, weil man, von unbeherrschten und starken
Nachbarn umringt, sich nur einer trügerischen Ruhe hingibt: wo das
Faustrecht gilt, sind Selbstbeherrschung und Redlichkeit Privileg des
Überlegenen. So heißen die einst als trefflich und rechtschaffend
gerühmten Cherusker jetzt Toren, die sich nicht zu helfen wissen; den
siegreichen Chatten hat man ihr Waffenglück als höhere Weisheit
ausgelegt. In den Zusammenbruch der Cherusker sind ihre Nachbarn, die
Foser, mit hineingezogen worden; als Leidensgenossen sind sie jenen
gleichgestellt, während sie in glücklicheren Tagen nur eine
untergeordnete Rolle gespielt hatten.
XXXVII - Bedeutung der Kimbern, Rom und Germanen
Dieselbe (halbinselartige) Ausbuchtung Germaniens bewohnen
unmittelbar an der Küste des Ozeans die Kimbern: jetzt ein
unbedeutender Stamm, aber ungewöhnlich berühmt (durch seine
Geschichte). Die Spuren jener frühen Größe sind weithin noch
erhalten; an beiden Ufern des Rheins liegen die weiträumigen
Lagerplätze, an deren Umfang man heute noch die gewaltigen
Menschenmassen und die Arbeitskraft dieses Stammes sowie die
Glaubwürdigkeit (der Berichte) über eine so gewaltige Auswanderung
ermessen kann. Sechshundertvierzig Jahre stand Rom, als man unter dem
Konsulat des Cäcilius Metellus und Papirius Carbo zum ersten Male von
den Waffentaten der Kimbern hörte. Wenn man von diesem Zeitpunkt bis
zum zweiten Konsulat des Kaisers Trajan rechnet, dann ergeben sich
etwa zweihundertzehn Jahre: so lange schon siegen wir über
Germanien.
Im Verlaufe dieser langen Zeit hat es auf beiden Seiten viele
Verluste gegeben. Aber weder die Samniter noch die Punier, weder die
spanischen noch die gallischen Provinzen, ja nicht einmal die Parther
haben sich uns häufiger in Erinnerung gebracht; denn tatkräftiger als
die unumschränkte Herrschergewalt des Arsakes ist der Freiheitswille
der Germanen. Denn was kann uns der Orient, dessen Niederwerfung
selbst einem Manne wie Ventidius gelang - wobei der Osten doch auch
den Pakoros verlor! -, anderes vorhalten als den Tod des
Crassus?
Aber die Germanen haben Carbo, Cassius, Scaurus, Aurelius, Servilius
Caepio und Maximilius Mallius geschlagen oder gefangengenommen und
dem römischen Volke im Verlaufe eines Krieges fünf
konsularische Heere, dem Augustus selbst sogar Varus und mit ihm drei
Legionen entrissen; und nicht ungestraft hat sie G. Marius in
Italien, der göttliche Julius in Gallien, Drusus, Nero und Germanicus
in ihren eigenen Wohnsitzen niedergeworfen. Später wurden die
ungeheuren Drohungen des Gajus Caligula zum Gespött. Seitdem ruhten
die Waffen, bis die Germanen die Gelegenheit unserer inneren
Zerissenheit und des Bürgerkrieges wahrnahmen, die Winterlager der
Legionen eroberten und auch nach den römischen Provinzen in Gallien
die Hände ausstreckten; man hat sie zwar dann wieder von dort
zurückgedrängt, aber noch in jüngster Zeit mehr Triumphe über sie
gefeiert als sie wirklich besiegt.
XXXVIII - Sueben, Haartracht der Sueben
Jetzt wäre von den Sueben zu sprechen, die nicht einen
einheitlichen Stamm bilden wie die Chatten oder die Tenkterer; sie
haben nämlich einen ziemlich großen Teil Germaniens inne, in dem noch
heite selbstständige Einzelstämme mit verschiedenen Namen wohnen,
obwohl man sie insgesamt Sueben nennt. Es ist ein besonderes
Kennzeichen des Stammes, das Haar schräg nach hinten zu kämmen und in
einem Knoten hochzubinden: darin unterscheiden sich die Sueben von
den übrigen Germanen, darin die freien Sueben von den Sklaven. Was
man auch bei den anderen Stämmen findet - vielleicht auf Grund von
verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Sueben oder (was ziemlich
häufig vorkommt) infolge Nachahmung -, aber nur selten und dann nur
in jugendlichem Alter, das beobachtet man bei den Sueben bis sie grau
werden: Sie kämmen das widerspenstige Haar nach hinten und binden es
oft genau auf dem Scheitel in einem Knoten hoch; die Führer haben
eine noch kunstvollere Haartracht. Das ist zwar eine (gewisse)
Eitelkeit, aber eine unschuldige; denn nicht um zu lieben oder
geliebt zu werden, handeln sie so: sie wappnen sich mit diesem
Schmuck ja für die Augen ihrer Feinde, um irgendwie größer und
schrecklicher auszusehen, wenn sie in den Kampf ziehen.
XXXIX - Der Semnonenhain
Als die ältesten und edelsten aller Sueben bezeichnen sich die
Semnonen; ihr hohes Alter wird durch einen religiösen Brauch sicher
beglaubigt. Zu bestimmter Zeit treffen sie sich in einem Hain, der
durch Weihen der Väter und uralte fromme Scheu geheiligt ist: alle
Teilstämme aus gleichem Blute schicken Abordnungen, und dann feiern
sie nach der Opferung eines Menschen von Staats wegen die schaurigen
Weihen ihres rohen Kultes. Man erweist dem Hain seine Ehrfurcht auch
noch in anderer Weise: Nur in Fesseln darf man ihn betreten,
gleichsam als ein Untergebener, der die Macht der Gottheit so
sichtlich bekun et. Strauchelt man durch irgendeinen Zufall, dann
darf man sich nicht aufheben lassen und aufstehen: auf dem Erdboden
wälzt man sich (aus dem Hain) hinaus. Dieser ganze Aberglaube geht
auf die Vorstellung zurück, daß von diesem Hain das Volk seinen
Ausgang genommen habe, daß dort der Gott wohne, der über alles
herrsche, und daß alles sonst ihm unterworfen und zu Gehorsam
verpflichtet sei. Das Ansehen der Semnonen wird durch ihre machtvolle
Stellung noch gesteigert: in hundert Gauen wohnen sie, und die große
einheitliche Masse trägt entscheidend dazu bei, daß sie sich für den
Hauptstamm der Sueben halten.
XL - Der Nerthuskult
Im Gegensatz dazu adelt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von
vielen sehr starken Stämmen rings umgeben, sind sie nicht durch
Unterwerfung, sondern durch Kampf und Wagemut gesichert. Dann folgen
die Reudigner, Avionen, Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und
Nuithonen, die durch Flüsse oder Wälder geschützt sind. Bei den
einzelnen Stämmen ist nichts Besonderes zu vermerken, abgesehen
davon, daß sie gemeinsam die Nerthus - das ist die Mutter Erde -
verehren und glauben, sie nehme an dem Leben der Menschen teil und
komme zu den Stämmen gefahren.
Auf einer Insel im Ozean steht ein heiliger Hain, und in ihm befindet
sich, mit einem Tuche zugedeckt, ein geweihter Wagen; nur der
Priester darf ihn berühren. Er merkt es, wenn sich die Göttin in dem
Heiligtum eingefunden hat, und geleitet sie unter vielen
Ehrenbezeugungen, wenn sie - von Kühen gezogen - (durch das Land
fährt). Dann gibt es Freudentage, und festlich geschmückt sind alle
Stätten, die die Göttin ihres Besuches und ihres Aufenthaltes
würdigt. Man zieht dann nicht in den Krieg, ergreift die Waffen
nicht, sicher verwahrt liegt alles Eisen. Frieden und Ruhe kennt und
liebt man freilich nur so lange, bis derselbe Priester die Göttin,
die des Umgangs mit den Sterblichen müde geworden ist, ihrem heiligen
Bezirk wieder zurückgibt. Dann werden Wagen und Decke und, wenn man
dem Glauben schenken will, die Gottheit selbst in einem versteckt
gelegenen See abgewaschen. Hilfsdienste leisten dabei Sklaven, die
alsbald derselbe See verschlingt. Ein geheimer Schauder umgibt daher
den Brauch und eine heilige Scheu, zu erkunden, was das wohl sein
mag, was nur Todgeweihte zu Gesicht bekommen.
XLI - Hermunduren
Dieser Teil des suebischen Gebietes zieht sich weit bis in die
entlegeneren Gegenden Germaniens hinein. Uns näher wohnt, um, wie
eben dem Lauf des Rheins, so jetzt dem der Donau zu folgen, der Stamm
der Hermunduren, der den Römern treu ergeben ist. Deshalb gewähren
wir ihnen als einzigen Germanen Handelsrecht nicht nur am (rechten)
Donauufer, sondern auch tief im Innern des Landes und sogar in der
blühenden Hauptstadt der rätischen Provinz. Überall dürfen sie ohne
Wachen über die Grenze, und während wir den übrigen Stämmen nur
unsere Waffen und Lager zeigen, haben wir ihnen, ohne daß sie es
gewünscht hätten, unsere Häuser und Gutshöfe geöffnet. Im Gebiet der
Hermunduren entspringt die Elbe, einst ein hochberühmter und
wohlbekannter Fluß; jetzt kennt man ihn nur vom Hörensagen.
XLII - Markomannen
Neben den Hermunduren leben (donauabwärts) die Narister und
anschließend (weiter östlich) die Markomannen und Quaden. Die
Markomannen haben einen besonderen Ruf und eine überragende
Machtstellung, und auch ihr Siedlungsgebiet selbst, aus dem sie einst
die Bojer vertrieben, verdanken sie ihrer Tapferkeit. Auch die
Narister und Quaden sind nicht aus der Art geschlagen. Das ist
gleichsam die Stirnseite Germaniens, soweit sie durch die Donau
gebildet wird. Bei Markomannen und Quaden hat es bis an die Schwelle
unserer Zeit Könige aus dem eigenen Volke gegeben: das berühmte
Geschlecht des Marbod und Tuder. Jetzt lassen sie sich auch fremde
Könige gefallen, aber Amt und Macht verdanken diese der Bestätigung
Roms. Selten unterstützen wir sie mit unseren Waffen, häufiger mit
Geld, und sie sind darum nicht weniger stark.
XLIII - Marsigner, Lugier, Nahanarvalen, Harier
Nach rückwärts schließen sich an die Markomannen und Quaden im
Norden und Osten die Marsigner, Kotiner, Oser und Burer an. Von ihnen
erweisen sich die Marsigner und Burer nach Sprache und Lebensweise
als Sueben; bei den Kotinern beweist die gallische, bei den Osern die
pannonische Sprache, daß sie keine Germanen sind, außerdem die
Tatsache, daß sie sich Tribute gefallen lassen. Einen Teil der
Abgaben erlegen ihnen als Fremden die Sarmaten, einen Teil die Quaden
auf; die Kotiner sollten sich um so mehr schämen, als sie sogar
selbst Eisen graben!
Alle diese Stämme haben nur wenig ebenes Gelände, sonst vorwiegend
bewaldete Höhen und Berggipfel in Besitzt genommen. Das suebische
Land wird nämlich durch einen fortlaufenden Höhenzug getrennt und
durchschnitten; jenseits dieses Höhenzuges wohnt noch eine ganze Zahl
von Stämmen, unter denen der Name des Lugierstammes, der selbst
wieder in mehrere Einzelstämme zerfällt, den weitesten
Geltungsbereich hat. Es wird genügen, die mächtigsten Stämme zu
nennen: die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und
Nahanarvalen.
Bei den Nahanarvalen zeigt man noch einen seit alter Zeit verehrten
Hain. Ihn betreut ein Priester in weiblicher Tracht, aber die
Gottheiten deutet man nach römischer Art als Kastor und Pollux. Das
entspricht dem Wesen der Gottheit, ihr Name ist "Alci(s)". Bilder von
ihnen gibt es nicht, es ist auch keine Spur dafür zu entdecken, daß
der Glaube fremden Ursprungs ist; jedenfalls verehrt man sie wie
Brüder, wie Jünglinge.
Übrigens steigern die an sich schon schrecklichen Harier über die
Kräfte hinaus, durch die sie die eben erwähnten Völker überragen,
ihre angeborene Wildheit noch durch geschickt angewendete äußere
Mittel und die Wahl der Angriffszeit: ihre Schilde sind schwarz, ihre
Leiber bemalt; finstere Nächte wählen sie zum Kampf, und schon durch
den grauenvollen und düsteren Anblick eines "Gespensterzuges"
verbreiten sie Schrecken, kein Feind hält den überraschenden, beinahe
höllischen Anblick aus; denn in allen Kämpfen erliegen zuerst die
Augen.
XLIV - Goten, Suionen
Jenseits (nördlich) von den Lugiern sitzen die Goten, von einem
König beherrscht. Sie stehen schon unter etwas strafferer Führung als
die übrigen Germanenstämme, haben aber ihre Freiheit immerhin noch
nicht ganz eingebüßt. Ihnen folgen dann unmittelbar an der Ostsee die
Rugier und Lemovier; Kennzeichen aller dieser Stämme sind runde
Schilde, kurze Schwerter und Gehorsam gegen ihre Könige.
Hier schließen sich - auf einer Insel in der Ostsee für sich lebend -
die Stämme der Suionen an, deren Stärke außer auf ihren Kämpfern und
Waffen auf ihrer Flotte beruht. Der Bau ihrer Schiffe weicht (von dem
unsrigen) insofern ab, als sie vorn und hinten einen Bug und dadurch
immer einen zum Landen geeigneten Vorteil haben. Die Suionen bedienen
weder Segel, noch binden sie die Ruder an den Schiffsseiten
reihenweise fest. Das Ruderwerk ist vielmehr, wie man es manchmal auf
Flüssen beobachten kann, frei beweglich (in Tauringen) angebracht
und, je nach den Erfordernissen der Fahrt, auf die eine oder andere
Richtung umzustellen. Bei ihnen genießt auch der Reichtum großes
Ansehen, und darum gebietet nur einer, nunmehr ohne alle
Einschränkungen und ohne sich das Recht auf Gehorsam erbitten zu
müssen. Auch die Waffen stehen hier nicht wie bei den übrigen
Germanen allen immer zur Verfügung, sondern weggeschlossen unter der
Obhut eines Wächters, und zwar eines Sklaven, weil das Meer
plötzliche feindliche Einfälle unmöglich macht, außerdem müßige Hände
mit den Waffen nur zu leicht Unheil anrichten; es ist ja auch der
wohlverstandene Vorteil des Königs, weder einen Edlen noch einen
Freigeborenen, ja nicht einmal einen Freigelassenen als Hüter über
die Waffen zu setzen.
XLV - Im höchsten Norden, Ästier, Bernsteinhandel, Sithonen
Jenseits (nördlich) von den Suionen liegt noch ein anderes Meer,
träge und beinahe ohne Bewegung. Daß dieses Meer den Erdkreis
abrundet und abschließt, wird dadurch glaubhaft, daß der letzte
Schein der bereits hinabgetauchten Sonne bis zum Sonnenaufgang in
solcher Helligkeit anhält, daß er die Sterne überstrahlt; außerdem -
so fügt der Volksglaube hinzu - hört man den Klang der auftauchenden
Sonne und sieht Umrisse von Pferden und das strahlenumkränzte Haupt
(des Sonnengottes). Nur bis dahin geht - und das darf man glauben -
die Welt.
An der Ostküste bespült das suebische Meer also nun die Stämme der
Ästier, die in Sitte und äußerer Erscheinung den Sueben gleichen,
deren Sprache jedoch der britannischen näher steht. Sie verehren die
Göttermutter. Als Glaubenssymbol tragen sie Nachbildungen von Ebern:
dies Zeichen macht den Verehrer der Göttin an Stelle von Waffen und
als Schutz gegen alles selbst inmitten von Feinden gefeit. Selten
verwenden sie Eisenwaffen, häufiger schon Knüppel; Getreide und
andere Feldfrüchte bauen sie mit größerer Ausdauer an, als es der
üblichen Trägheit der Germanen entspricht. Aber auch das Meer
durchsuchen sie, und sie sind die einzigen von allen Germanen, die
den Bernstein, den sie selbst "glesum" nennen, im Umkreis seichter
Stellen und am Strande selbst sammeln. Woraus er besteht oder wie er
entsteht, das haben sie, wie das bei Barbaren nicht anders zu
erwarten ist, weder zu wissen verlangt noch in Erfahrung gebracht;
ja, er lag sogar lange Zeit (unbeachtet) zwischen dem sonstigen
Auswurf des Meeres, bis ihm unsere Schmuckbedürfnis seine Bedeutung
verlieh. Sie selbst verwenden ihn überhaupt nicht: roh (, wie er
anfällt,) wird er aufgelesen, unverarbeitet in den Handel gebracht,
und staunend nehmen sie den Kaufpreis entgegen. Daß es sich jedoch um
Baumharz handelt, sieht man leicht, weil sehr oft allerlei auf der
Erde kriechende und selbst herumfliegende kleine Tiere durch die
Bernsteinmasse schimmern; sie verfingen sich in dem noch flüssigen
Harz und sind nun, nachdem es sich zu festem Stoffe verhärtete, darin
eingeschlossen. Ich möchte also meinen, daß ebenso wie in den
entlegeneren Gegenden des Orients, wo Weihrauch und Balsam (von den
Bäumen) ausgeschieden werden, es auch auf den Inseln und in den
Ländern des Okzidents besonders ergiebige Waldungen und Haine gibt,
deren Absonderungen durch die Strahlen der benachbarten Sonne
herausgezogen werden, in klarflüssigem Zustande in das nahe gelegene
Meer rinnen und durch gewaltige Stürme an die uns gegenüberliegende
Küste angeschwemmt werden. Prüft man den Bernstein auf seine
Zusammensetzung, indem man ihn mit Feuer in Berührung bringt, dann
brennt er wie Kienspan und ergibt eine qualmige und stark duftende
Flamme; dann erstarrt er zu einer zähen pech- oder harzähnlichen
Masse.
An die Suionen schließen sich die Sithonenstämme an. In allen übrigen
Beziehungen gleichen sie jenen: nur in dem einen Punkte weichen sie
(von ihnen) ab, daß eine Frau über sie herrscht: so weit sind sie
nicht nur unter die Stufe eines freien Volkes, sondern sogar unter
die eines versklavten gesunken.
XLVI - Peukiner, Venether, Fennen, Fabelwesen im äußersten Osten
Hier ist das Land der Sueben zu Ende. Ob ich die Stämme der
Peukiner, Venether und Fennen zu den Germanen oder Sarmaten rechnen
soll, weiß ich nicht recht, wenn auch die Peukiner, die manche auch
Bastarner nennen, sich in Sprache, Lebensform, Siedlungs- und
Wohnweise wie Germanen verhalten. Alle sind schmutzig und auch die
Vornehmen stumpfsinnig und träge; durch Mischleben sind sie in
mancher Beziehung zur äußeren Erscheinung von Sarmaten entartet. Die
Venether haben viel von deren Sitten angenommen; denn sie
durchstreifen das ganze Wald- und Bergland zwischen Peukinern und
Fennen in Raubzügen. Man wird sie trotzdem eher zu den Germanen
rechnen, weil sie feste Häuser bauen, Schilde tragen und an der
Geübheit und Schnelligkeit ihrer Füße ihre Freude haben; das alles
trennt sie von den Sarmaten, die auf ihren Wagen und Pferden
leben.
Die Tierähnlichkeit der Fennen ist erstaunlich, ihre Armut
abschreckend. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein Haus. Ihre
Nahrung besteht aus Kräutern, die Kleidung aus Tierhäuten, ihre
Lagerstätte ist der Erdboden; ihre einzige Hoffnung sind die Pfeile,
die sie aus Mangel an Eisen mit spitzen Knochen versehen. Dieselbe
Jagd gibt Männern und Frauen in gleicher Weise ihren Lebensunterhalt;
denn die Frauen kommen überall mit hin und beanspruchen ihren Anteil
an der (gemeinsam erlegten) Beute. Auch die kleinen Kinder haben
keine andere Zufluchtsstätte vor wilden Tieren und vor dem Regen als
den Unterschlupf unter irgendeinen Geflecht von Zweigen: hierhin
kehren die jungen Männer zurück, das ist auch das Asyl der Greise.
Aber sie meinen, man sie glücklicher (bei alledem), als wenn man über
schwerer Ackerarbeit seufze, mühsam Häuser baue, eigenes und fremdes
Hab und Gut in Furcht und Hoffnung umzusetzen (Handel zu treiben)
suche: ohne sich um die Menschen, ohne sich um die Götter zu kümmern,
haben sie das Schwerste erreicht: wunschlos zufrieden zu sein.
Das übrige gehört schon mehr in den Bereich der Fabel: daß die
Hellusier und Oxioner Mund und Gesicht wie Menschen haben, Rumpf und
Gliedmaßen dagegen wie wilde Tiere: das will ich als unerforschte
Angabe dahingestellt sein lassen.
Quellen : "Tacitus Germania" Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung Leipzig
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